Prokofjew in Japan

orangenWährend eines Forschungs­auf­ent­haltes an der Waseda-​Universität in Tôkyô, der vor wenigen Tagen endete, führte mich mein Weg von meiner Unter­kunft zur Univer­si­täts­bi­blio­thek immer an diesem Café vorbei. Inner­lich schmun­zelte ich unver­mit­telt. Die Gedanken reisten dann in meine Vergan­gen­heit, die länger als meine Zukunft sein dürfte. Damals, „als Napo­leon auf Moskau ging”, so gegen Ende der 1970er Jahre, verpaßte uns ein wohl­mei­nender Deutsch­lehrer ein Abon­ne­ment für das Staats­theater Braun­schweig - eine bunte Platte aus Oper, Theater, Ballett. Alles in allem war das keine schlechte Erfah­rung, wenn auch für einen Teen­ager (und heute wohl noch immer für mich) 5 oder 6 Stunden „Faust, Zweiter Teil” doch etwas over the top waren und ich noch gut erin­nere, wie groß die Gefahr war, als im „Schwa­nensee” der Prinz bei einer Hebe­figur die Prima­bal­le­rina asso­luta des Corps de ballet jenes nieder­säch­si­schen Städt­chens - ein kleines „Pummel­chen” - beinahe in den Zuschau­er­raum „weiter­ge­reicht” hätte. Weiter­lesen

Henry St. John Bolingbroke (1678-​1751) zum Brexit

Nur zur Abwechs­lung und ausnahms­weise eine Fund­sache zu einem nicht-​japanbezogenen Thema:

Fast könnte man den Eindruck gewinnen, Henry St. John, 1. Viscount Boling­broke, einer der briti­schen Philo­so­phen in der Zeit der Aufklä­rung und ein zeit­ge­nös­sisch nicht unum­strit­tener Poli­tiker, habe den Austritt des Verei­nigten König­reichs aus der Euro­päi­schen Union vorher­ge­sehen. Es scheint zumin­dest, als hätte er ihn befür­wortet.

bolingbroke

Ob nun aber das Verei­nigte König­reich tatsäch­lich über jene „über­na­tür­liche Kraft” eines „Gottes” verfügt, der nicht einzu­schalten ist, wenn diese nicht zur Entwick­lung erfor­der­lich ist, mag dahin­ge­stellt bleiben.

Keine Geister in offizieller Residenz des japanischen Ministerpräsidenten

Wer unlängst das Hin und Her einer zunächst erdachten und dann zurück­ge­zo­genen Verord­nung der Euro­päi­schen Kommis­sion zum Verbot offener Olivenöl-​Karaffen in Spei­se­lo­kalen verfolgt hat, verfügt schon über einen Eindruck, mit welchen wich­tigen Ange­le­gen­heiten sich manche zentralen Regierungs- und Verwal­tungs­stellen über die Terro­ris­mus­be­kämp­fung oder die Konzep­tion wirkungs­voller Maßnahmen gegen die Wirt­schafts­krise hinaus zu befassen haben. Daher über­rascht es wenig, wenn das japa­ni­sche Kabi­nett am 24. Mai 2013 auf eine schrift­liche Anfrage des Abge­ord­neten im Ober­haus Kagaya Ken 加賀谷健 von der Demo­kra­ti­schen Partei (mins­hutô 民主党) erklärte, „keine Kennt­nisse“ von Geis­ter­er­schei­nungen (yûrei 幽霊) in der offi­zi­ellen Resi­denz des japa­ni­schen Minis­ter­prä­si­denten (sôri daijin kôtei 総理大臣公邸) zu haben. Selbst auf der Nach­mit­tags­pres­se­kon­fe­renz des Kabi­nett­se­kre­tärs (kanbô chôkan 官房長官) Suga Yoshihide 菅義偉 am 24.05. war diese Anfrage noch einmal Thema und beschäf­tigte dann in einer Kurz­mel­dung am Folgetag nahezu alle japa­ni­schen Tages­zei­tungen in ihren Online-​Ausgaben. Auf die Frage eines Jour­na­listen, ob er selbst schon die Anwe­sen­heit von Geis­tern in der Resi­denz gespürt habe, hatte Suga schmun­zelnd erklärt, dass er das nicht ausschließen könne („Iware­reba, sô ka na, to omoi­ma­shita“ 言われれば、そうかな、と思いました).

Als eine der „städi­schen Legenden“ (urban legend, toshi densetsu 都市伝説) hält sich nach­haltig das Gerücht, daß Personen, die während der beiden Putsch­ver­suche junger Offi­ziere vom 15. Mai 1932 und 26. Februar 1936 in der dama­ligen, „alten“ Resi­denz (kyû-​kôtei 旧公邸) des japa­ni­schen Minis­ter­prä­si­denten ihr Leben verloren, in zeit­ge­nös­si­sche Uniformen gekleidet, noch heute gele­gent­lich ihr geis­ter­haftes Unwesen in der zwischen 2003 und 2005 erwei­terten und reno­vierten Resi­denz des japa­ni­schen Minis­ter­prä­si­denten trieben. 1932 wurden in der Resi­denz ein Poli­zist und der Minis­ter­prä­si­dent Inukai Tsuyoshi 犬養毅 (1855-​1932), 1936 vier Ange­hö­rige des Wach­per­so­nals und verse­hent­lich der Schwager und Sekretär des damals amtie­renden Minis­ter­prä­si­denten Okada Keisuke 岡田啓介 (1868-​1952), Matsuo Denzô 松尾伝蔵 (1872-​1936), dessen Aussehen dem seines Schwa­gers sehr ähnelte, erschossen. Weiter­lesen