Sicherheit & ihr Gegenbild - das „Schriftzeichen des Jahres” 2015 in Japan

kotoshi_no_kanji_2015Nicht wie bisher üblich am 12. Dezember, dem „Tag des chine­si­schen Schrift­zei­chens”, sondern etwas verspätet wurde heute das japa­ni­sche „Schrift­zei­chen des Jahres” (koto­shi no kanji 今年の漢字) 2015 bekannt gegeben. Wie schon in den Vorjahren hatte die „Japa­ni­sche Gesell­schaft zur Über­prü­fung der kanji–Fähig­keit“ (Nihon kanji nôryoku ken­tei kyô­kai 日本漢字能力検定協会) landes­weit Vorschläge für ein chine­si­sches Schrift­zei­chen einge­worben, das die viel­schich­tigen Entwick­lungen Japans im Jahr 2015 reprä­sen­tiere. Von insge­samt abge­ge­benen 129.647 fiel mit 5.632 Stimmen (= 4,3 %) die Wahl auf das Schrift­zei­chen  mit den Lesun­gen an /​ yasu[-i] - yasun[-jiru] - izu[-kunzo] sowie seinen Bedeu­tungen „sicher“, „fried­lich”, „bequem” und „billig”. Wie schon seine Vorgänger der Jahre 2013 und 2014 und wie das „Schrift­zei­chen der Zukunft” (mirai no kanji 未来の漢字) wurde das dies­jäh­rige chine­si­sche Sieger­zei­chen auch in einer kalli­gra­phi­schen Zere­monie im Kiyomizu-​dera (清水寺) vom Vorstand dieses buddhis­ti­schen Tempels Mori Sei­han 森清範 der Öffent­lich­keit vorge­stellt. Weiter­lesen

Japanischsprachige Aufsätze im Volltext zugänglich

Nach Rück­sprache mit den Heraus­ge­bern freut es mich, nunmehr eine Auswahl meiner japa­nisch­spra­chigen Aufsätze als Voll­text im PDF-​Format anbieten zu können. Es handelt sich um folgende Publi­ka­tionen:

♦マイク・ヘンドリク・シュプロッテ、「国際的現象としての「大逆罪」 — ドイツ帝国の場合」. In: 初期社会主義研究』. 2014年、25号,33–41頁.⇒ zum Voll­text /​ フル・テキストへ.

♦マイク・ヘンドリク・シュプロッテ、「西川正雄氏(1933-2008)についての私的回想」. In: 初期社会主義研究』 . 2009年、21号,117—122頁. ⇒ zum Voll­text /​ フル・テキストへ und zur Vor­lage in deut­scher Sprache.

♦マイク・ヘンドリク・シュプロッテ、「ドイツ帝国から見た明治時代の初期社会主義運動発達史」. In: 初期社会主義研究』. 2003年、16号, 179—205頁. ⇒ zum Voll­text /​ フル・テキストへ.

Anglizismen verursachen keine seelischen Qualen!

Zumin­dest sind sie offenbar nicht justi­tiabel. Vor einigen Monaten berich­tete ich von einer recht unge­wöhn­li­chen Klage eines Pensio­närs, dem die Entwick­lung der japa­ni­sche Sprache nicht völlig gleich­gültig ist, gegen den öffentlich-​rechtlichen Fern­seh­sender NHK. Taka­ha­shi Hôji 高橋鵬二 hatte im vergan­genen Jahr mit der Behaup­tung, durch einen zu häufigen Gebrauch engli­scher Lehn­wörter in der japa­ni­schen Sprache in Fern­seh­sen­dungen des Staats­fern­se­hens „see­li­sche Qua­len“ (seishin-​teki kutsû 精神的苦痛) zu erleiden, eine Scha­den­er­satz­klage vor dem Land­ge­richt Nagoya (Nagoya chi­sai 名古屋地裁) ange­strengt. Bereits am 12. Juni erging in der Sache das Urteil: Weiter­lesen

Publikation: Hochverrat als internationales Phänomen (in japanischer Sprache)

Als Japa­no­loge freue ich mich stets darüber, wenn ich einmal die Gele­gen­heit erhalte, in japa­ni­scher Sprache zu publi­zieren. Vor allem dadurch, so denke ich, hat man die Möglich­keit, auch ein kleines Stück weit in die japa­ni­sche Forschung zu „wirken”. Gerade erschien folgender Aufsatz von mir in einer japa­ni­schen Fach­zeit­schrift. Mein Publi­ka­ti­ons­ver­zeichnis habe ich entspre­chend aktua­li­siert.

マイク・ヘンドリク・シュプロッテ (2014): „国際的現象としての「大逆罪」 — ドイツ帝国の場合” [Kokusai-​teki genshô toshite no „taigyaku-​zai” — Doitsu teikoku no baai] („Hoch­verrat” als inter­na­tio­nales Phänomen — Die Verhält­nisse im Deut­schen Reich). In: 初期社会主義研究 [Shoki shakais­hugi ken­kyû]. Nr. 25, Tôkyô, S. 33-​41.

Nach­trag (10.03.2015): Dieser Text steht Ihnen jetzt hier als Voll­text im PDF-​Format zum Down­load zur Verfü­gung.

Verursachen Anglizismen seelische Qualen?

Er kenne kein anderes Land der Erde, in dem man so respektlos mit der eigenen Sprache umgehe. Mit dieser Einschät­zung wurde Bundes­ver­kehrs­mi­nister Ramsauer (CSU) bereits im Jahr 2010 zitiert, als er in seinem Ressort den Angli­zismen in der deut­schen Sprache den Kampf ansagte. Ein „Flip­chart” seines Hauses wurde so offenbar wieder zum „Tafel­schreib­block”, ein „Meeting” zu einer „Bespre­chung” und  ein „Laptop” zum „Klapprechner”. Da bekannt­lich nur der stete Tropfen den Stein höhlt, dauerte es noch drei Jahre, bis auch die Deut­sche Bahn 2013 erklärte, nunmehr diesem Vorbild folgen zu wollen, in dem man zur Pflege der deut­schen Sprache künftig Angli­zismen - soweit möglich - vermeiden wolle. Wenn es dann auch bedau­er­lich scheint, statt auf den für „kiss & ride” vorge­se­henen Park­plätzen doch mögli­cher­weise zukünftig nur wieder in der „Kurz­zeit­park­zone” Abschied nehmen zu können, mag dieses Vorgehen begrenzt die Kommu­ni­ka­tion in der Gesell­schaft über die Gene­ra­tio­nen­grenzen hinweg erleich­tern. Dem Bundes­mi­nister sei dennoch eine Reise nach Japan empfohlen, denn so könnte er jenseits seiner auf den natio­nalen Bereich beschränkten Sicht­weise viel­leicht ein weiteres „Land der Erde” kennen­lernen, in dem er sprach­lich Begeis­terte treffen könnte, die seine Ansichten hinsicht­lich der Respekt­lo­sig­keit des sprach­li­chen Umgangs nahezu deckungs­gleich zu teilen scheinen und glei­cher­maßen die sprach­liche Entwick­lung ihres Landes kriti­sieren.

Im Sommer 2013 war beispiels­weise auch für den 71-​jährigen Taka­hashi Hôji 高橋鵬二 eine Grenze über­schritten. Als Verant­wort­li­cher eines „Vereins, der die japa­ni­sche Sprache hoch­schätzt“ (Nihongo o taisetsu ni suru kai 日本語を大切にする会) reichte der in der Stadt Kani in der Präfektur Gifu 岐阜県可児市 ansäs­sige ehema­lige Beamte über seinen Anwalt eine Scha­den­er­satz­klage beim Land­ge­richt Nagoya (Nagoya chisai 名古屋地裁) gegen die öffentlich-​rechtliche Sende­an­stalt NHK (Nihon hôsô kyôkai 日本放送協会) ein. Anlaß seiner Klage waren „seeli­sche Qualen“ (seishin-​teki kutsû 精神的苦痛), die durch den über­mä­ßigen Gebrauch von Lehn­wör­tern, vornehm­lich engli­scher Prove­nienz, in Sendungen des öffent­li­chen recht­li­chen Fern­se­hens verur­sacht worden sein sollen. Inhalt­lich wandte er sich gegen den „wider­recht­li­chen Gebrauch“ von Lehn­wör­tern in Fern­seh­sen­dungen, selbst dann, wenn dieser völlig unnötig sei. Mögen junge Menschen auch diese Fremd­wörter verstehen, könnte eine ältere Person Begriffe wie etwa アスリート (asurîto, = athlete, = Athlet) oder コンプライアンス (konpu­rai­ansu, = comp­li­ance, = Einwil­li­gung, Konfor­mität, Über­ein­stim­mung, Ordnungs­mä­ßig­keit) inhalt­lich nicht erfassen. Der über­mä­ßige Gebrauch von Fremd­spra­chen führe bei Personen, die diesem gegen­über ein Unwohl­sein empfänden, zu unnö­tigen seeli­schen Qualen und stelle somit ein „Delikt“ (fuhô kôi 不法行為) gemäß § 709 des japa­ni­schen Bürger­li­chen Gesetz­bu­ches (minpô dai-​709-​jô 民法第709条) dar. Gerade ein öffentlich-​rechtlicher Sender wie NHK sei aber zu einer allseits verständ­li­chen Ausdrucks­weise verpflichtet. Nachdem die Beant­wor­tung eines Schrei­bens zum Gebrauch von Lehn­wör­tern durch NHK nicht erfolgt sei, habe sich Taka­hashi zur Klage veran­laßt gesehen. Weiter­lesen

Neue Publikation zur Zivilgesellschaft

Ein Aufsatz als gekürzter Nach­druck meines Arbeits­pa­pieres zur Zivil­ge­sell­schaft vor 1945 ist in einer Publi­ka­tion über die Bürger-​Staat-​Beziehungen in Japan erschienen:

Sprotte, Maik Hendrik (2013): „Zivil­ge­sell­schaft als staat­liche Veran­stal­tung? Eine Spuren­suche im Japan vor 1945.” In: Foljanty-​Jost, Gesine/​ Hüste­beck, Momoyo (Hg.): Bürger und Staat in Japan. Halle/​Saale: Univer­si­täts­verlag Halle-​Wittenberg (= Schriften des Zentrums für Inter­dis­zi­pli­näre Regio­nal­stu­dien, Band 3), S. 89—129. ⇒ zum Voll­text dieser Publi­ka­tion.

Greenpeace zum Reaktorunfall in Fukushima

Green­peace hat knapp einen Monat vor dem 2. Jahrestag der Drei­fach­ka­ta­strophe im Osten Japans einen Bericht über die - nach Meinung dieser Orga­ni­sa­tion - völlig unzu­rei­chende Entschä­di­gungs­praxis der Tokyo Electric Power Company (TEPCO) als Betreiber des Kern­kraft­werkes Fukus­hima und zur Verant­wor­tung führender Unter­nehmen am Reak­tor­un­fall, die aller­dings aufgrund der herr­schenden Rechts­lage nicht in deren Betei­li­gung an Entschä­di­gungen mündete, veröf­fent­licht:

Von Inter­esse in diesem Zusam­men­hang ist viel­leicht, daß TEPCO selbst in verschie­denen Memo­randen und Stra­te­gie­pa­pieren seit Mitte des vergan­genen Jahres etwa den Bedarf einer erheb­lich höheren finan­zi­ellen Unter­stüt­zung seitens des japa­ni­schen Staates zu begründen versucht, um möglichst schnell die unter­neh­me­ri­sche Unab­hän­gig­keit wieder­er­langen zu können: z.B. in einem Konzept unter dem Titel „Management-​Vorhaben zur Rege­ne­ra­tion” (再生への経営方針 saisei no keiei hôshin) vom 7. November 2012: (PDF in japa­ni­scher Sprache).

Die Betei­li­gung des japa­ni­schen Staates an diesen Entschä­di­gungs­leis­tungen erfolgt vorwie­gend auf der Grund­lage folgender recht­li­cher Bestim­mungen, deren Titel hier in vergleichs­weise freier Über­set­zung wieder­ge­geben werden:

  • des „Gesetzes bezüg­lich der Entschä­di­gung von Kern­ener­gie­schäden” (原子力損害の賠償に関する法律 gens­hiryoku songai no baishô ni kan suru hôritsu, Link in japa­ni­scher Sprache),
  • des „Gesetzes bezüg­lich einer Kompen­sa­ti­ons­ver­ein­ba­rung für Scha­dens­er­satz bei Kern­ener­gie­schäden” [zwischen dem Staat und Ener­gie­un­ter­nehmen] (原子力損害賠償補償契約に関する法律 gens­hiryoku songai baishô hoshô keiyaku ni kan suru hôritsu, Link in japa­ni­scher Sprache) und
  • des „Gesetzes eines Unter­stüt­zungs­me­cha­nismus für Scha­dens­er­satz bei Kern­ener­gie­schäden” (原子力損害賠償支援機構法 gens­hiryoku songai baishô shien kikô-​hô, Link in japa­ni­scher Sprache) mit seiner Aner­ken­nung einer „gesell­schaft­li­chen Verant­wor­tung” des Staates, die ihrer­seits mit dem bishe­rigen Voran­treiben der Kern­ener­gie­po­litk („これまで原子力政策を推進してきたことに伴う社会的な責任を負っていることに鑑み”) begründet wird.