Publikation: „Zivilgesellschaft als staatliche Veranstaltung?“

Maik Hendrik Sprotte (2012): Zivilgesellschaft als staatliche Veranstaltung? Eine Spurensuche im Japan vor 1945.

In der Arbeits­pa­pier­rei­he des Inter­na­tio­na­len Gra­du­ier­ten­kol­legs „For­men­wan­del der Bür­ger­ge­sell­schaft. Japan und Deutsch­land im Ver­gleich“ (Uni­ver­si­tät Halle-Wittenberg und Uni­ver­si­tät Tôkyô) ist gera­de ein län­ge­rer Text von mir erschie­nen, in dem ich mich unter dem Titel „Zivil­ge­sell­schaft als staat­li­che Ver­an­stal­tung? Eine Spu­ren­su­che im Japan vor 1945″ mit den his­to­ri­schen Wur­zeln der japa­ni­schen Zivil­ge­sell­schaft aus­ein­an­der­set­ze.

In mei­nem Dis­kus­si­ons­bei­trag tre­te ich für eine nach­hal­ti­ge­re Berück­sich­ti­gung his­to­ri­scher Pro­zes­se in der sozial- und poli­tik­wis­sen­schaft­li­chen For­schung zu Japan ein. Es scheint zu kurz zu grei­fen, die Exis­tenz einer japa­ni­schen Zivil­ge­sell­schaft mit den Argu­men­ten einer im Japan der Zeit ver­brei­te­ten „Tra­di­ti­on des Respekts für die Auto­ri­tät und der Gering­schät­zung des Vol­kes“ (kan­son min­pi 官尊民卑) und eines Prin­zips „der Selbst­auf­op­fe­rung für das Gemein­wohl“ (mes­shi hôkô 滅私奉公) infra­ge zu stel­len. Dies gilt auch dann, wenn man unter dem Gesichts­punkt einer Berück­sich­ti­gung der Unter­stüt­zung des zeit­ge­nös­si­schen Herr­schafts­sys­tems durch brei­te gesell­schaft­li­che Schich­ten, die sich par­ti­ell in Orga­ni­sa­tio­nen zusam­men­fan­den, die mei­ner Inter­pre­ta­ti­on nach als zivil­ge­sell­schaft­li­che kate­go­ri­siert wer­den kön­nen, nur ein­ge­schränkt zivil­ge­sell­schafts­theo­re­ti­sche Annah­men zur Staat­fer­ne und Gewalt­frei­heit unter Berück­sich­ti­gung von Zeit und Raum in Anwen­dung brin­gen kann.

Neben der Fra­ge nach der Exis­tenz einer japa­ni­schen Öffent­lich­keit (kôkyôsei 公共性) in der japa­ni­schen Geschich­te vor 1945 erör­te­re ich in mei­nem Text die recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen der Zeit hin­sicht­lich mög­li­cher For­men der Ver­ge­mein­schaf­tung und zei­ge am Bei­spiel des Russisch-Japanischen Krie­ges (1904/05), daß es eine Fül­le von zivil­ge­sell­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen gab, die in der Ana­ly­se nicht aus­schließ­lich nor­ma­ti­ven Erwar­tun­gen einer Demo­kra­ti­sie­rung des Herr­schafts­sys­tems ent­spre­chen, son­dern die viel­mehr herr­schafts­sta­bi­li­sie­rend und gele­gent­lich auch durch­aus, auf einen poten­ti­el­len (aus­län­di­schen) Geg­ner gerich­tet, gewalt­haft im Sin­ne einer „robuste(n) Ket­te von Befes­ti­gungs­wer­ken und Kase­mat­ten“ (nach Anto­nio Gram­sci) zur Ver­tei­di­gung natio­na­ler Inter­es­sen wirk­ten.

Durch die Berück­sich­ti­gung den Staat stüt­zen­der Orga­ni­sa­tio­nen als Vari­an­ten zivil­ge­sell­schaft­li­cher Ver­ge­mein­schaf­tung lie­ßen sich mei­ner Ansicht nach für die Zeit vor 1945 dif­fe­ren­zier­te­re Aus­sa­gen über die Rol­le und die Hand­lungs­spiel­räu­me der Unter­ta­nen des Ten­nô, die zugleich auch immer Staats­bür­ger waren, und somit über die Qua­li­tät der Staat-Bürger-Beziehungen in his­to­ri­scher Per­spek­ti­ve tref­fen.

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