Vortrag über „Gerüchte & Fake News in der Geschichte Japans“ (Berlin, 14.02.2019)

Am Don­ners­tag, den 14. Febru­ar 2019 hal­te ich in der Mori‐Ôgai‐Gedenkstätte der Humboldt‐Universität zu Ber­lin (Lui­sen­str. 39, 10117 Ber­lin) ab 18:15 Uhr einen Vor­trag mit dem Titel: „Von der Blut­steu­er zu ‚Brun­nen­ver­gif­tern‘ – über Gerüch­te & Fake News in der Geschich­te Japans“.

Das Gerücht als „ältes­tes Medi­um der Welt“ (Jean‐Noël Kap­fe­rer) umgibt uns in all­täg­li­chen Situa­tio­nen und ver­fügt nur über eine begrenz­te Wir­kung, soweit es sich in einem Zustand rela­ti­ver Ruhe, des Frie­dens auf der gesell­schaft­li­chen Ebe­ne sowie poli­ti­scher und wirt­schaft­li­cher Sta­bi­li­tät ent­wi­ckelt und ver­brei­tet. Sobald aber eine Kri­sen­si­tua­ti­on eine Gesell­schaft oder ihre Teil­be­rei­che erfasst, ent­fal­ten Gerüch­te eine Wir­kung, die es erfor­der­lich macht, ihre Ent­ste­hung und Ver­brei­tung bes­ser zu ver­ste­hen. Die Ana­ly­se der Inhal­te, der Ver­brei­tungs­we­ge sowie der Fol­gen spe­zi­fi­scher Gerüch­te bzw. pro­mi­nen­ter Fake News inner­halb des japa­ni­schen Gemein­we­sens wer­den im Zen­trum die­ses Vor­tra­ges ste­hen. In einem lan­gen his­to­ri­schen Bogen vom 12. bis ins 21. Jahr­hun­dert wer­den aus­ge­wähl­te Gerüch­te sowie deren gele­gent­lich gewalt­haf­te Wir­kungs­macht vor­ge­stellt und kon­tex­tua­li­siert. Wenn auch ein japa­ni­sches Sprich­wort die Lebens­dau­er eines Gerüchts auf „nur“ 75 Tage beschränkt, wird gezeigt wer­den, dass sich man­che ihrer Inhal­te in nahe­zu unver­än­der­ter Form und jen­seits logi­scher Zugän­ge einer „ent­zau­ber­ten Welt“ bis ins Japan der Gegen­wart als sehr viel bestän­di­ger erwie­sen haben.

Vor 30 Jahren: Zum Tod des Shôwa Tennô (1901–1989) am 7. Januar 1989

Ein trüber Tag im Januar 1989

Der 7. Janu­ar 1989 war im Groß­raum Tôkyô der Erin­ne­rung nach ein trü­ber Tag. Die Wol­ken­de­cke schien ein­fach nicht auf­rei­ßen zu wol­len. Ein deut­scher Schü­ler an einer der renom­mier­ten Schu­len der Haupt­stadt für japa­ni­sche Spra­che hat­te eine unru­hi­ge Nacht ver­bracht und war für sei­ne Ver­hält­nis­se sehr früh wach. Nach neun Mona­ten in Japan galt es, sich lang­sam und nur wider­wil­lig auf die für März bevor­ste­hen­de Heim­rei­se vor­zu­be­rei­ten. Die mor­gend­li­che Käl­te, die unter der schlecht iso­lier­ten Bal­kon­tür in sein Ein‐Zimmer‐Appartment in der Peri­phe­rie Tôkyôs zog, ließ sich mit einem klei­nen elek­tri­schen Ofen nur unvoll­kom­men bekämp­fen. Noch wäh­rend er leicht frös­telnd dar­auf war­te­te, daß im Kes­sel auf dem Gas­herd end­lich das Was­ser die erfor­der­li­che Betriebs­tem­pe­ra­tur für den, die Lebens­geis­ter erwe­cken­den Kaf­fee erreich­te, stell­te er zur Ablen­kung den klei­nen Fern­se­her an, der ihm von sei­nem Ver­mie­ter „zur Ver­bes­se­rung des Hör­ver­ständ­nis­ses“ über­las­sen wor­den war. Hin­gen die Gedan­ken auch zunächst noch an der für den Abend des Tages vor­ge­se­he­nen Ver­ab­re­dung mit Freun­den, um eine der gro­ßen Dis­ko­the­ken Rop­pon­gis zu besu­chen, war er schnell von dem gefan­gen, was er im öffentlich‐rechtlichen Fern­se­hen Japans in die­ser mor­gend­li­chen Stun­de zu hören bekam. In Abwei­chung vom vor­ge­se­he­nen Pro­gramm fand er sich in einer Son­der­sen­dung, in der der Nach­rich­ten­spre­cher mit sehr erns­ter Mie­ne von jüngs­ten Ent­wick­lun­gen im Kai­ser­pa­last berich­te­te. Schon in den frü­hen Mor­gen­stun­den sei­en zahl­rei­che Fahr­zeu­ge des Kai­ser­li­chen Haus­halts mit Ange­hö­ri­gen der Kai­ser­fa­mi­lie und Regie­rungs­li­mou­si­nen, mut­maß­lich mit dem Minis­ter­prä­si­den­ten und wei­te­rer hoher Reprä­sen­tan­ten des offi­zi­el­len Japan an Bord, in das Are­al des Kai­ser­pa­las­tes ein­ge­fah­ren. Dann wur­de plötz­lich in den Pres­se­raum des Kai­ser­li­chen Haus­halts­am­tes (kunaichô 宮内庁) geschal­tet, in dem sich der Amts­lei­ter Fuji­mo­ri Shôi­chi 藤森昭一 (1926–2016) vor­be­rei­te­te, eine Erklä­rung abzu­ge­ben. Er über­brach­te, hin­sicht­lich der Wort­wahl und der gram­ma­ti­schen Kon­struk­ti­on der Ver­laut­ba­rung auf dem höchs­ten Niveau, das die japa­ni­sche Höf­lich­keits­spra­che zu bie­ten hat, eine Nach­richt, die das gesam­te gesell­schaft­li­che Leben Japans in den nächs­ten Wochen beherr­schen soll­te. Gera­de erst, am frü­hen Mor­gen des 7. Janu­ar 1989, um 6:33 Uhr, sei der Ten­nô ver­stor­ben. Wei­ter­le­sen

Vortrag zur „Taishô‐Demokratie oder von der Geschichte als Massenveranstaltung“ (14.12.2018, Halle/Saale)

Am 13. & 14. Dezem­ber 2018 fin­det an der Leo­pol­di­na – Natio­na­le Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten in Hal­le / Saa­le ein Inter­na­tio­na­les Sym­po­si­um zu „Das Erbe der Meiji‐Restauration: Wege zur libe­ra­len Demo­kra­tie 1868–2018“ als Koope­ra­ti­on der Uni­ver­si­tät Halle‐Wittenberg (Prof. Dr. Foljanty‐Jost), des Japanisch‐Deutschen Zen­trums Ber­lin & The Japan Foun­da­ti­on, Tōkyō statt.

Mit einem Vor­trag über „Die Taishô‐Demokratie oder von der Geschich­te als Mas­sen­ver­an­stal­tung“ wer­de auch ich einen Bei­trag zu die­ser Kon­fe­renz leis­ten.

Vorträge anläßlich der „Langen Nacht der Wissenschaften“ (9. Juni 2018, Freie Universität Berlin)

Am 9. Juni 2018 fin­det von 17:00 bis 24:00 Uhr in Pots­dam & Ber­lin die „Lan­ge Nacht der Wis­sen­schaf­ten“ statt. Die Japa­no­lo­gie der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin ist mit einem Pro­gramm unter dem Titel „Japan – fern­ab von Fuku­shi­ma“ mit­ten­drin. Im Rah­men die­ses Pro­gramms bin ich mit zwei Vor­trä­gen ver­tre­ten:

Von 17:00 bis 18:00 Uhr spre­che ich zu Kin­dern im Alter von 6 bis 12 Jah­ren (und zu Per­so­nen mit kind­li­chem Gemüt) über „Samu­rai – die ‚Rit­ter‘ Japans“ (Freie Uni­ver­si­tät Ber­lin, Holz­lau­be, Raum OG, 1.2051).
Was soll­te einem in den Sinn kom­men, wenn man von Samu­rai hört? Kämp­fer? Rit­ter? Die Samu­rai waren viel mehr! Sie waren Gelehr­te, Dich­ter und Beam­te. Von ihren Auf­ga­ben, ihrem Leben und ihrer Bedeu­tung in der japa­ni­schen Geschich­te han­delt die­ser Vor­trag.

Von 22:00 bis 23:00 Uhr hal­te ich einen Vor­trag unter dem Titel „ ‚Gast bin ich in frem­dem Land‘ − Das Nar­ra­tiv über Leben und Ster­ben von Moses und Jesus Chris­tus in Japan“ (Freie Uni­ver­si­tät Ber­lin, Holz­lau­be, Raum OG, 1.2051).
In Japan befin­den sich ein Moses‐Grab und ein Grab Chris­ti. Was führ­te zur Ent­de­ckung die­ser Grä­ber? In die­sem Vor­trag wer­den religions‐ und poli­tik­wis­sen­schaft­lich hei­li­ge Schrif­ten einer Reli­gi­on ana­ly­siert, deren Ziel sich in den 1930er Jah­ren auf eine Japa­ni­sie­rung des Chris­ten­tums im Kon­text der Geschich­te Japans rich­te­te.

Am Golde hängt doch alles“ – das „Schriftzeichen des Jahres“ 2016 in Japan

Das Jahr 2017 ist glück­li­cher­wei­se nicht so weit fort­ge­schrit­ten, daß man nicht noch einen kur­zen Rück­blick auf das ver­gan­ge­ne Jahr wer­fen könn­te. Zeit­man­gel und feh­len­de Ruhe las­sen mich als Teil mei­ner noch ver­gleichs­wei­se jun­gen jähr­li­chen Rou­ti­ne der Jah­re 2013, 2014 und 2015 nun erst ver­spä­tet die­sen Blick auf ein Ereig­nis im Dezem­ber 2016 wer­fen, des­sen jähr­li­che Wie­der­kehr sich in Japan einer gewis­sen media­len Auf­merk­sam­keit erfreut: die Bekannt­ga­be des „Schrift­zei­chens des Jah­res“ (koto­shi no kan­ji 今年の漢字). Wie bei uns jähr­lich das „Wort des Jah­res“, von der Gesell­schaft für deut­sche Spra­che (GfdS) ver­kün­det, ein sich dem Ende zunei­gen­des Jahr beson­ders cha­rak­te­ri­sie­ren sol­le, wur­den seit Anfang Novem­ber 2016 von der „Japa­ni­schen Gesell­schaft zur Über­prü­fung der kan­ji-Fähig­keit“ (Nihon kan­ji nôryo­ku ken­tei kyô­kai 日本能力検定協会) wie­der Vor­schlä­ge für ein chi­ne­si­sches Schrift­zei­chen ein­ge­wor­ben, mit dem sich das Jahr 2016 am bes­ten beschrei­ben las­sen soll­te. Am 12. Dezem­ber, dem „Tag des chi­ne­si­schen Schrift­zei­chens“ (kan­ji no hi 漢字の日), wur­de es wie gewöhn­lich in einer kal­li­gra­phi­schen Zere­mo­nie im Kiyomizu‐dera (清水寺), einer der bekann­tes­ten bud­dhis­ti­schen Sehens­wür­dig­kei­ten Kyô­tos, der Öffent­lich­keit vor­ge­stellt. Nach den Jah­ren 2000 und 2012 fiel zum drit­ten Mal die Wahl mehr­heit­lich auf das Schrift­zei­chen (kin – kon / kane – kana) mit sei­nen Bedeu­tun­gen „Geld“, „Gold“, „gold­far­ben“, „(Edel-)Metall“. Wie viel­fäl­tig die ein­ge­reich­ten Vor­schlä­ge gewe­sen sein müs­sen, zeigt jedoch deut­lich, daß die­ses Schrift­zei­chen mit nur 6.655 von ins­ge­samt abge­ge­be­nen 153.562 Stim­men bzw. einem Stim­men­an­teil von 4,33 % den ers­ten Platz erreich­te. Wei­ter­le­sen

Prokofjew in Japan

orangenWäh­rend eines For­schungs­auf­ent­hal­tes an der Waseda‐Universität in Tôkyô, der vor weni­gen Tagen ende­te, führ­te mich mein Weg von mei­ner Unter­kunft zur Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek immer an die­sem Café vor­bei. Inner­lich schmun­zel­te ich unver­mit­telt. Die Gedan­ken reis­ten dann in mei­ne Ver­gan­gen­heit, die län­ger als mei­ne Zukunft sein dürf­te. Damals, „als Napo­le­on auf Mos­kau ging“, so gegen Ende der 1970er Jah­re, ver­paß­te uns ein wohl­mei­nen­der Deutsch­leh­rer ein Abon­ne­ment für das Staats­thea­ter Braun­schweig – eine bun­te Plat­te aus Oper, Thea­ter, Bal­lett. Alles in allem war das kei­ne schlech­te Erfah­rung, wenn auch für einen Teen­ager (und heu­te wohl noch immer für mich) 5 oder 6 Stun­den „Faust, Zwei­ter Teil“ doch etwas over the top waren und ich noch gut erin­ne­re, wie groß die Gefahr war, als im „Schwa­nen­see“ der Prinz bei einer Hebe­fi­gur die Pri­ma­bal­le­ri­na asso­lu­ta des Corps de bal­let jenes nie­der­säch­si­schen Städt­chens – ein klei­nes „Pum­mel­chen“ – bei­na­he in den Zuschau­er­raum „wei­ter­ge­reicht“ hät­te. Wei­ter­le­sen

Die Erdbeben auf Kyûshû vom April 2016 & die Demagogie

Seit­dem am 14. April die süd­lichs­te der vier japa­ni­schen Haupt­in­seln, Kyûs­hû, mit der Prä­fek­tur Kuma­mo­to im Fokus von einem schwe­ren Erd­be­ben getrof­fen wur­de, dem seit­her in einer unun­ter­bro­che­nen Ket­te zum Teil noch weit schwe­re „Nach­be­ben“ fol­gen, bro­delt die Gerüch­te­kü­che in den sozia­len Netz­wer­ken. Es sind die­se – nichts zuletzt psy­chi­schen – Aus­nah­me­si­tua­tio­nen, die der Ver­brei­tung von Gerüch­ten Vor­schub leis­ten, wenn auch die Anony­mi­tät des Inter­nets heut­zu­ta­ge dabei inzwi­schen för­der­lich sein mag. Man­che Gerüch­te neh­men dabei gar nicht zwin­gend in der betrof­fe­nen Regi­on ihren Aus­gang, son­dern wer­den aus falsch­ver­stan­de­nem „Spaß“ andern­orts hämisch „kom­po­niert“.  Gleich­wohl fühlt man sich wie auf einer Zeit­rei­se – in den Sep­tem­ber 1923 und nach Tôkyô, als Ver­leum­dun­gen, von der zeit­ge­nös­si­schen Pres­se­be­richt­erstat­tung flan­kiert, zu gewalt­sa­men Aus­schrei­tun­gen gegen die korea­ni­sche Min­der­heit in der japa­ni­schen Haupt­stadt­re­gi­on nach dem schwe­ren Kantô‐Erdbeben vom 1. Sep­tem­ber 1923 (Kan­tô dais­hin­sai, 関東大震災) führ­ten. Ähn­lich üble Gerüch­te, japa­nisch デマ (dema, von: Dem­ago­gie), wie damals wer­den jetzt gera­de, in dem Moment, in dem die­ser kur­ze Bei­trag ent­steht, im Kon­text des Kumamoto‐Erdbebens über den Kurz­nach­rich­ten­dienst Twit­ter in statt­li­cher Zahl ver­brei­tet: Wei­ter­le­sen