Weiteres Forschungsprojekt: Egon Bahrs Japanbesuch 1969

Ich habe die Inhalts­be­schrei­bung eines neu­en Pro­jekts, das mich neben mei­ner Arbeit an mei­nem For­schungs­vor­ha­ben in den letz­ten Mona­ten beschäf­tigt und dem ich unter dem Titel „Egon Bahrs Japan-Besuch 1969: ein Moment des japa­ni­schen ’nuclear hedging‘ “ nach­ge­he, der Auf­stel­lung gegen­wär­ti­ger und zukünf­ti­ger For­schungs­vor­ha­ben hin­zu­ge­fügt.

Greenpeace zum Reaktorunfall in Fukushima

Green­peace hat knapp einen Monat vor dem 2. Jah­res­tag der Drei­fach­ka­ta­stro­phe im Osten Japans einen Bericht über die – nach Mei­nung die­ser Orga­ni­sa­ti­on – völ­lig unzu­rei­chen­de Ent­schä­di­gungs­pra­xis der Tokyo Electric Power Com­pa­ny (TEPCO) als Betrei­ber des Kern­kraft­wer­kes Fuku­shi­ma und zur Ver­ant­wor­tung füh­ren­der Unter­neh­men am Reak­tor­un­fall, die aller­dings auf­grund der herr­schen­den Rechts­la­ge nicht in deren Betei­li­gung an Ent­schä­di­gun­gen mün­de­te, ver­öf­fent­licht:

  • Bericht (japa­nisch) 『福島原発事故 空白の責任』 (Fuku­shi­ma gen­patsu jiko – kûha­ku no seki­nin, PDF):
  • Zusam­men­fas­sung der Bericht­in­hal­te (japa­nisch):
  • Bericht (eng­lisch) „Fuku­shi­ma Fall­out“ (PDF):
  • Zusam­men­fas­sung der Bericht­in­hal­te (eng­lisch):

Von Inter­es­se in die­sem Zusam­men­hang ist viel­leicht, daß TEPCO selbst in ver­schie­de­nen Memo­ran­den und Stra­te­gie­pa­pie­ren seit Mit­te des ver­gan­ge­nen Jah­res etwa den Bedarf einer erheb­lich höhe­ren finan­zi­el­len Unter­stüt­zung sei­tens des japa­ni­schen Staa­tes zu begrün­den ver­sucht, um mög­lichst schnell die unter­neh­me­ri­sche Unab­hän­gig­keit wie­der­erlan­gen zu kön­nen: z.B. in einem Kon­zept unter dem Titel „Management-Vorhaben zur Rege­ne­ra­ti­on“ (再生への経営方針 sai­sei no kei­ei hôs­hin) vom 7. Novem­ber 2012: (PDF in japa­ni­scher Spra­che).

Die Betei­li­gung des japa­ni­schen Staa­tes an die­sen Ent­schä­di­gungs­leis­tun­gen erfolgt vor­wie­gend auf der Grund­la­ge fol­gen­der recht­li­cher Bestim­mun­gen, deren Titel hier in ver­gleichs­wei­se frei­er Über­set­zung wie­der­ge­ge­ben wer­den:

  • des „Geset­zes bezüg­lich der Ent­schä­di­gung von Kern­ener­gie­schä­den“ (原子力損害の賠償に関する法律 gens­hiryo­ku son­gai no baishô ni kan suru hôritsu, Link in japa­ni­scher Spra­che),
  • des „Geset­zes bezüg­lich einer Kom­pen­sa­ti­ons­ver­ein­ba­rung für Scha­dens­er­satz bei Kern­ener­gie­schä­den“ [zwi­schen dem Staat und Ener­gie­un­ter­neh­men] (原子力損害賠償補償契約に関する法律 gens­hiryo­ku son­gai baishô hos­hô kei­ya­ku ni kan suru hôritsu, Link in japa­ni­scher Spra­che) und
  • des „Geset­zes eines Unter­stüt­zungs­me­cha­nis­mus für Scha­dens­er­satz bei Kern­ener­gie­schä­den“ (原子力損害賠償支援機構法 gens­hiryo­ku son­gai baishô shien kikô-hô, Link in japa­ni­scher Spra­che) mit sei­ner Aner­ken­nung einer „gesell­schaft­li­chen Ver­ant­wor­tung“ des Staa­tes, die ihrer­seits mit dem bis­he­ri­gen Vor­an­trei­ben der Kern­ener­gie­po­litk („これまで原子力政策を推進してきたことに伴う社会的な責任を負っていることに鑑み“) begrün­det wird.

Japans Menschenrechtslage auf dem Prüfstand

Im Rah­men des vom dama­li­gen Gene­ral­se­kre­tär Kofi Ann­an initia­li­sier­ten Reform­pro­zes­ses der Ver­ein­ten Natio­nen lös­te der UN-Menschenrechtsrat (United Nati­ons Human Rights Coun­cil, kurz: UNHRC) 2006 die seit 1946 bestehen­de UN-Menschenrechtskommission (United Nati­ons Com­mis­si­on on Human Rights, kurz: UNCHR) ab. Neben einer Ver­klei­ne­rung der Zahl der Rats­mit­glie­der von 53 auf 47 Mit­glied­staa­ten der Ver­ein­ten Natio­nen wur­de zudem ein neu­es Instru­men­ta­ri­um zur Unter­su­chung der welt­wei­ten Men­schen­rechts­si­tua­ti­on geschaf­fen: die soge­nann­te „Uni­ver­sel­le Peri­odi­sche Über­prü­fung“ (Uni­ver­sal Perio­dic Review, kurz: UPR) der mit den Men­schen­rech­ten in Zusam­men­hang ste­hen­den Lage in allen 193 Mit­glied­staa­ten. Alle 4 Jah­re haben sich die Mit­glie­der der Ver­ein­ten Natio­nen einem mehr­stu­fi­gen, höchst insti­tu­tio­na­li­sier­ten Pro­zess zur Über­prü­fung der Men­schen­rechts­si­tua­ti­on ihres Lan­des zu unter­zie­hen. Im Okto­ber 2012 war es Japan, das sich zum zwei­ten Mal die­sem Ver­fah­ren zu stel­len hat­te. Wei­ter­le­sen

Publikation: „Zivilgesellschaft als staatliche Veranstaltung?“

Maik Hendrik Sprotte (2012): Zivilgesellschaft als staatliche Veranstaltung? Eine Spurensuche im Japan vor 1945.

In der Arbeits­pa­pier­rei­he des Inter­na­tio­na­len Gra­du­ier­ten­kol­legs „For­men­wan­del der Bür­ger­ge­sell­schaft. Japan und Deutsch­land im Ver­gleich“ (Uni­ver­si­tät Halle-Wittenberg und Uni­ver­si­tät Tôkyô) ist gera­de ein län­ge­rer Text von mir erschie­nen, in dem ich mich unter dem Titel „Zivil­ge­sell­schaft als staat­li­che Ver­an­stal­tung? Eine Spu­ren­su­che im Japan vor 1945″ mit den his­to­ri­schen Wur­zeln der japa­ni­schen Zivil­ge­sell­schaft aus­ein­an­der­set­ze.

In mei­nem Dis­kus­si­ons­bei­trag tre­te ich für eine nach­hal­ti­ge­re Berück­sich­ti­gung his­to­ri­scher Pro­zes­se in der sozial- und poli­tik­wis­sen­schaft­li­chen For­schung zu Japan ein. Es scheint zu kurz zu grei­fen, die Exis­tenz einer japa­ni­schen Zivil­ge­sell­schaft mit den Argu­men­ten einer im Japan der Zeit ver­brei­te­ten „Tra­di­ti­on des Respekts für die Auto­ri­tät und der Gering­schät­zung des Vol­kes“ (kan­son min­pi 官尊民卑) und eines Prin­zips „der Selbst­auf­op­fe­rung für das Gemein­wohl“ (mes­shi hôkô 滅私奉公) infra­ge zu stel­len. Dies gilt auch dann, wenn man unter dem Gesichts­punkt einer Berück­sich­ti­gung der Unter­stüt­zung des zeit­ge­nös­si­schen Herr­schafts­sys­tems durch brei­te gesell­schaft­li­che Schich­ten, die sich par­ti­ell in Orga­ni­sa­tio­nen zusam­men­fan­den, die mei­ner Inter­pre­ta­ti­on nach als zivil­ge­sell­schaft­li­che kate­go­ri­siert wer­den kön­nen, nur ein­ge­schränkt zivil­ge­sell­schafts­theo­re­ti­sche Annah­men zur Staat­fer­ne und Gewalt­frei­heit unter Berück­sich­ti­gung von Zeit und Raum in Anwen­dung brin­gen kann.

Neben der Fra­ge nach der Exis­tenz einer japa­ni­schen Öffent­lich­keit (kôkyôs­ei 公共性) in der japa­ni­schen Geschich­te vor 1945 erör­te­re ich in mei­nem Text die recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen der Zeit hin­sicht­lich mög­li­cher For­men der Ver­ge­mein­schaf­tung und zei­ge am Bei­spiel des Russisch-Japanischen Krie­ges (1904/05), daß es eine Fül­le von zivil­ge­sell­schaft­li­chen Orga­ni­sa­tio­nen gab, die in der Ana­ly­se nicht aus­schließ­lich nor­ma­ti­ven Erwar­tun­gen einer Demo­kra­ti­sie­rung des Herr­schafts­sys­tems ent­spre­chen, son­dern die viel­mehr herr­schafts­sta­bi­li­sie­rend und gele­gent­lich auch durch­aus, auf einen poten­ti­el­len (aus­län­di­schen) Geg­ner gerich­tet, gewalt­haft im Sin­ne einer „robuste(n) Ket­te von Befes­ti­gungs­wer­ken und Kase­mat­ten“ (nach Anto­nio Gram­sci) zur Ver­tei­di­gung natio­na­ler Inter­es­sen wirk­ten.

Durch die Berück­sich­ti­gung den Staat stüt­zen­der Orga­ni­sa­tio­nen als Vari­an­ten zivil­ge­sell­schaft­li­cher Ver­ge­mein­schaf­tung lie­ßen sich mei­ner Ansicht nach für die Zeit vor 1945 dif­fe­ren­zier­te­re Aus­sa­gen über die Rol­le und die Hand­lungs­spiel­räu­me der Unter­ta­nen des Ten­nô, die zugleich auch immer Staats­bür­ger waren, und somit über die Qua­li­tät der Staat-Bürger-Beziehungen in his­to­ri­scher Per­spek­ti­ve tref­fen.

Hier steht der gesam­te Text als PDF-Datei zum Down­load zur Ver­fü­gung.

Historie im Film – 100 Jahre „Hochverratsaffäre“

Filmposter "Hyakunen no kodama" (2012)

Film­pos­ter „Hya­ku­nen no koda­ma“ (2012)

Dokumentar- und Spiel­fil­me his­to­ri­schen Inhalts erfreu­en sich nicht nur in Deutsch­land wach­sen­der Beliebt­heit. Auch in Japan bie­ten Jah­res­ta­ge und run­de Jubi­lä­en nicht nur den Anlaß für wis­sen­schaft­li­che Kon­fe­ren­zen, Gedenk­ver­an­stal­tun­gen und Publi­ka­tio­nen, son­dern auch für die Auf­ar­bei­tung his­to­ri­scher Ereig­nis­se in Form beweg­ter Bil­der. Deren The­men sind viel­fäl­tig. So war und ist bei­spiels­wei­se in aus­ge­wähl­ten Licht­spiel­häu­sern in den Städ­ten Shi­man­to 四万十, Kyô­to 京都 und Tôkyô 東京 im August und Sep­tem­ber die­sen Jah­res ein Doku­men­tar­film zu sehen, der sich mit der so genann­ten „Hoch­ver­rats­af­fä­re“ (tai­gya­ku jiken 大逆事件) der Jah­re 1910 und 1911 beschäf­tigt.

Die Hoch­ver­rats­af­fä­re ist eines der her­aus­ra­gen­den Ereig­nis­se in der lan­gen Geschich­te der Bekämp­fung und Unter­drü­ckung sozia­lis­ti­scher bzw. anar­chis­ti­scher Über­zeu­gun­gen in der japa­ni­schen Geschich­te bis 1945. Unter dem Vor­wurf, ein Atten­tat auf den Mei­ji Ten­nô 明治天皇 (1852–1912), des­sen Todes­tag sich 2012 eben­falls zum hun­derts­ten Male jähr­te, und den Kron­prin­zen anläß­lich der Geburts­tags­pa­ra­de des Kai­sers am 3. Novem­ber 1910 geplant zu haben, wur­den tat­säch­li­che und mut­maß­li­che japa­ni­sche Anar­chis­ten zu Hun­der­ten unter dem Gene­ral­ver­dacht der Ver­schwö­rung zur Ermor­dung des Mon­ar­chen unter Beob­ach­tung gestellt und ver­hört, von denen 26 wie­der­um in einem Ver­fah­ren vor dem Reichs­ge­richt (dais­hin’in 大審院) abge­ur­teilt wur­den. Hin­ter­grund die­ses Pro­zes­ses bil­de­ten Bestim­mun­gen des „alten Straf­ge­set­zes“ (kyû-keihô 旧刑法), die für eine direk­te Betei­li­gung an Plä­nen zum Königs­mord, dem Hoch­ver­rat (taigyaku-zai 大逆罪) also, zwin­gend die Todes­stra­fe vor­sa­hen.

Wei­ter­le­sen

Von Zwergkastanien oder dem Weg als Ziel – das Leben Shôchi Saburôs 曻地三郎 (1906–2013)

Am 16.08.2012, sei­nem 106. Geburts­tag, so weiß die japa­ni­sche Tages­zei­tung Mai­ni­chi shin­bun zu berich­ten, wur­de Shôchi Sab­urô 曻地三郎 in das „Gui­ness Buch der Rekor­de“ auf­ge­nom­men. Sei­ne beson­de­re Leis­tung bestand dar­in, als bis­her „ältes­ter Mensch unter Nut­zung öffent­li­cher Ver­kehrs­mit­tel die Erde umrun­det“ zu haben. Seit sei­nem 100. Geburts­tag hat sich Shôchi Sab­urô, der auf sei­ner Rei­se stets mit einem schwar­zen Zylin­der und rotem Hut­band zu sehen war, jähr­lich auf eine Vor­trags­rei­se ins Aus­land bege­ben. Zu sei­ner dies­jäh­ri­gen Flug­rei­se war er am 16.07. in sei­ner Hei­mat­stadt Fuku­o­ka auf­ge­bro­chen. Er leg­te rund 57.000 Kilo­me­tern bei 16 Umstie­gen zurück, von denen er eini­ge Impres­sio­nen auf sei­nem Blog ver­öf­fent­lich­te. In der First Class reis­te er, sei­nem Alter ent­spre­chend, ver­gleichs­wei­se bequem. Unter ande­rem nahm der pro­mo­vier­te Päd­ago­ge am „Inter­na­tio­nal Con­gress of Psy­cho­lo­gy“ in Cape Town (Süd­afri­ka) teil. Wenn man der Mai­ni­chi shin­bun glau­ben darf, ist sein nächs­tes per­sön­li­ches Ziel die Teil­nah­me am kom­men­den Psy­cho­lo­gen­kon­gress – 2016 in Yoko­ha­ma.

Unge­ach­tet die­ser äußerst respek­ta­blen Leis­tung wäre es sicher nicht all­zu inter­es­sant, hier wei­ter auf die­se Per­son ein­zu­ge­hen, wenn sich bei nähe­rer Recher­che nicht eine noch bemer­kens­wer­te­re Lebens­ge­schich­te offen­bar­te. Die­ser noch im 39. Jahr der Meiji-Zeit (1906) auf Hok­kai­dô Gebo­re­ne kann auf ein an aka­de­mi­schen Titeln und inter­na­tio­na­len wis­sen­schaft­li­chen Aus­zeich­nun­gen rei­ches, aber auch mit per­sön­li­chen Prü­fun­gen ver­se­he­nes Leben zurück­bli­cken. Wei­ter­le­sen

Die „zwei Körper“ einer Sängerin: TASHA gee & GILLE

Dem His­to­ri­ker Leo­pold von Ran­ke wird der Sinn­spruch zuge­schrie­ben, Sie­ge sei­en schnell errun­gen, die­se Erfol­ge aber zu ver­ste­ti­gen, gestal­te sich eher schwer. In der japa­ni­schen Musik­sze­ne des Jah­res 2012 ist von einem erstaun­li­chen Sieg zu berich­ten – Aus­gang noch offen. Die­ser Sieg wur­de zunächst mit einem Video auf You­tube erreicht. Vor 5 Mona­ten hoch­ge­la­den, wur­de die­ses Video der damals völ­lig unbe­kann­ten Sän­ge­rin GILLE, eine eng­li­sche Cover­ver­si­on des japa­ni­schen Titels „Fly­ing Get“ (フライングゲット) der japa­ni­schen J‑Pop-Gruppe AKB48, inzwi­schen über 2.870.000 Mal (Stand: 21.07.2012) auf­ge­ru­fen.

Ist schon AKB48 (AKB = Aki­ha­ba­ra, einem Orts­teil Tôkyôs, + 48 ursprüng­lich ange­dach­te Mit­glie­der, jeweils 24 in 2 Grup­pen, japan., engl.) mit ihrem eige­nen Thea­ter in Aki­ha­ba­ra und inzwi­schen 4 Grup­pen mit jeweils 16 Sän­ge­rin­nen ein beson­de­res Phä­no­men des so genann­ten J‑Pop, gilt dies alle­mal auch für GILLE. Sie ver­zich­te­te bewußt auf die Sicht­bar­keit ihres Gesichts und ist auf die­sem und ande­ren Vide­os, um die im Lau­fe der letz­ten Mona­te ihr Youtube-Channel erwei­tert wur­de, aus­schließ­lich in ihrer Sil­hou­et­te sicht­bar. Wei­ter­le­sen