Louis Zamperini (1917–2014) – „Unbroken“

Buchdeckel von: Zamperini, Louis (1957): Den Teufel auf den Fersen. Konstanz: Christliche Verlagsanstalt.Einleitung

Doku­men­ta­tio­nen und Spiel­fil­me, denen eine wah­re his­to­ri­sche Bege­ben­heit zugrun­de liegt, erfreu­en sich nicht nur in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten und Euro­pa, son­dern eben­so auch in Japan gro­ßer Beliebt­heit. Zumin­dest gilt dies für Fil­me, die sich nicht all­zu kri­tisch mit der jün­ge­ren japa­ni­schen Ver­gan­gen­heit befas­sen. Seit Mit­te Janu­ar ist in deut­schen Kinos nun ein US‐amerikanischer Spiel­film zu sehen, des­sen Erschei­nen in Japan bis­her eher unge­wiss ist: „Unbro­ken“ unter der Regie von Ange­li­na Jolie über das Leben des Spit­zen­sport­lers und japa­ni­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen Lou­is „Lou­ie“ Zam­peri­ni (1917–2014). Die deut­schen Film­kri­ti­ken, die zu dem Film ver­öf­fent­licht wur­den, schei­nen eher ver­hal­ten zu sein. Auch bei den dies­jäh­ri­gen Nomi­nie­run­gen für den Oscar wur­de die­ser Film nur in weni­ger bedeu­te­ten­den Kate­go­ri­en, für die „Bes­te Kame­ra­füh­rung“, den „Bes­ten Ton“ und den „Bes­ten Ton­schnitt“, berück­sich­tigt. In Japan ist der Film in Krei­sen kon­ser­va­ti­ver Mei­nungs­füh­rer und Medi­en umstrit­ten, behan­delt er doch im sieb­zigs­ten Jahr nach Kriegs­en­de den bru­ta­len und men­schen­ver­ach­ten­den Umgang mit alli­ier­ten Kriegs­ge­fan­ge­nen sei­tens des japa­ni­schen Mili­tärs. Anhän­ger eines japa­ni­schen Geschichts­re­vi­sio­nis­mus, flan­kiert von Ver­tre­tern der japa­ni­schen „Socie­ty for the Dis­se­mi­na­ti­on of His­to­ri­cal Fact“ (Shi­jitsu o sekai ni hass­hin suru kai 史実を世界に発信する会), agi­tier­ten vor­beu­gend gegen eine Ver­öf­fent­li­chung des Films in Japan. Mit Erfolg, wie es scheint, denn bis­her wur­de noch kein Datum für einen Film­start in japa­ni­schen Licht­spiel­häu­sern bekannt­ge­ge­ben. Der japa­ni­sche Film­ver­leih Tôhô tôwa 東宝東和, Koope­ra­ti­ons­part­ner von Uni­ver­sal Pic­tures, hat sich bis­her offen­bar nicht auf eine Frei­ga­be des Films in Japan fest­le­gen wol­len, wie das Unter­hal­tungs­ma­ga­zin „Varie­ty“ Mit­te Janu­ar online berich­te­te. In Chi­na hin­ge­gen soll­te der Film am 30. Janu­ar urauf­ge­führt wer­den, in Süd­ko­rea läuft er bereits seit dem  7. Janu­ar.

Unbroken“ – der Film

Die Grund­la­ge des Films bil­det der US‐amerikanische Best­sel­ler „Unbro­ken: A World War II Sto­ry of Sur­vi­val, Resi­li­en­ce, and Redemp­ti­on“ von Lau­ra Hil­len­brand aus dem Jahr 2010. Eine deut­sche Über­set­zung die­ses Buches liegt unter dem Titel „Unbeug­sam – Eine wah­re Geschich­te von Wider­stand­kraft und Über­le­bens­kampf“, erschie­nen bei Klett‐Cotta in Stutt­gart, seit 2011 vor. Wenn­gleich auch eine japa­ni­sche Über­set­zung die­ses Buches noch immer auf sich war­ten läßt, haben der inter­na­tio­na­le Hype und die Dis­kus­si­on über den Film sowie das ihm zu Grun­de lie­gen­de Buch den frei­en Jour­na­lis­ten Maru­ta­ni Haji­me 丸谷元人 ver­an­laßt, unter dem Titel „War das japa­ni­sche Mili­tär wirk­lich ‚bru­tal‘? – Die Grau­sam­keit des japa­ni­schen Mili­tärs als anti­ja­pa­ni­sche Pro­pa­gan­da“ (日本軍は本当に「残虐」だったのか―反日プロパガンダとしての日本軍の蛮行,ハート出版、2014年) eine kri­ti­sche Ana­ly­se der Inhal­te des Hillenbrand‐Buches zu ver­öf­fent­li­chen, deren Titel­ge­bung und Inhalts­be­schrei­bung allein schon deut­li­che Anzei­chen auf sei­ne – nicht zuletzt geschichts­po­li­ti­sche – Wer­tung geben. Zu fra­gen bleibt, ob sich die japa­ni­sche Leser­schaft nicht zunächst einen Ein­druck von den tat­säch­li­chen Inhal­ten des Aus­gangs­tex­tes als Quel­le der Kri­tik in ihrer Mut­ter­spra­che ver­schaf­fen kön­nen soll­te.

Zur Biographie Louis Zamperinis

Lou­is Zam­peri­ni selbst hat gemein­sam mit unter­schied­li­chen Co‐Autoren zwei Lebens­be­schrei­bun­gen vor­ge­legt: 1956 „Devil at My Heels. The Sto­ry of Lou­is Zam­peri­ni“ zusam­men mit Helen Itria & einem Vor­wort des bap­tis­ti­schen Pre­di­gers Bil­ly Gra­ham (New York: E. P. Dut­ton) sowie 2003 „Devil at My Heels. A World War II Hero’s Epic Saga of Torment, Sur­vi­val, and For­gi­veness“ zusam­men mit David Ren­sin & einem Vor­wort des US‐amerikanischen Sena­tors und Vete­ra­nen des Vietnam‐Krieges John McCain (New York: Wil­liam Mor­row). Die Über­set­zung der ers­ten Auto­bio­gra­phie Zam­peri­nis in deut­scher Spra­che erschien bereits 1957 unter dem Titel „Den Teu­fel auf den Fer­sen“ in der schrif­ten­mis­sio­na­ri­schen Christ­li­chen Ver­lags­an­stalt Kon­stanz und erleb­te bis in die 1980er Jah­re meh­re­re Neu­auf­la­gen.

Die Lek­tü­re der deut­schen Aus­ga­be der Auto­bio­gra­phie macht eines deut­lich: Grund­te­nor die­ser Lebens­be­schrei­bung ist das Ele­ment der Ver­ge­bung in sei­ner christ­li­chen Sinn­ge­bung durch die­sen, sich 1949 im Rah­men des so genann­ten „Los Ange­les Kreuz­zugs“ (Los Ange­les Cru­sa­de) Bil­ly Gra­hams – einer für Gra­ham sehr erfolg­rei­chen und sich über mehr als acht Wochen erstre­cken­den Mis­sio­nie­rungs­ver­an­stal­tung mit ca. 350.000 Teil­neh­men­den in die­ser kali­for­ni­schen Stadt – zum Chris­ten­tum in einer evan­ge­li­ka­len Prä­gung bekeh­ren­den „ame­ri­ka­ni­schen Hel­den“. Bil­ly Gra­ham selbst wird ihn spä­ter als „gro­ßen Kreuz­sol­da­ten“ für das Reich Got­tes und „neu­en Feind“ der „Mäch­te der Fins­ter­nis“ bezeich­nen.

Erzählt wird die Geschich­te eines Halb­star­ken und Sohns ita­lie­ni­scher Ein­wan­de­rer in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten, im kali­for­ni­schen Tor­ran­ce ansäs­sig, der in der Schu­le wegen unzu­rei­chen­der Eng­lisch­kennt­nis­se – Zuhau­se sprach man vor­wie­gend die elter­li­che Mut­ter­spra­che. – dem Spott sei­ner Mit­schü­ler aus­ge­setzt war und mit Streit­lust und Rabau­ken­tum reagier­te. Unter dem dis­zi­pli­nie­ren­den Druck sei­nes älte­ren Bru­ders Pete (1915–2008), des Direk­tors sei­ner Schu­le und des ört­li­chen Poli­zei­chefs wand­te er sich dem Lang­stre­cken­lauf zu. Nach Welt­best­leis­tun­gen auf der Stre­cke einer Mei­le (ca. 1609 m) im Ober­schul­sport, gelang es ihm, sich für das 5000‐Meter‐Rennen bei den Olym­pi­schen Spie­len 1936 in Ber­lin zu qua­li­fi­zie­ren, des­sen Fina­le er als Ach­ter been­de­te. Aus­führ­li­cher als in sei­nen ers­ten Memoi­ren berich­te­te Zam­peri­ni 1988 über sei­ne Ein­drü­cke von die­sen Olym­pi­schen Spie­len und sei­nem Auf­ent­halt in Deutsch­land im Rah­men einer Inter­view­rei­he der „Ama­teur Ath­le­tic Foun­da­ti­on of Los Ange­les“, in der als „oral histo­ry“-Pro­jekt süd­ka­li­for­ni­sche Olym­pia­teil­neh­mer vor 1945 über ihr Leben und ihren Sport befragt wur­den.

Zamperini in Krieg und Gefangenschaft

Nach einer Pha­se wei­te­rer sport­li­cher Erfol­ge stell­ten sich gesund­heit­li­che Pro­ble­me und abfal­len­de Leis­tun­gen an der Uni­ver­si­tät ein. Da zudem die Olym­pi­schen Spie­le 1940 in Tôkyô, einem sei­ner wei­te­ren sport­li­chen Zie­le, abge­sagt wur­den, mel­de­te sich Zam­peri­ni Anfang der 1940er Jah­re frei­wil­lig zur Luft­waf­fe und wur­de als Bom­ben­schüt­ze im Pazi­fik ein­ge­setzt. Am 27. Mai 1943 stürz­te sei­ne B‐24, ein eher unaus­ge­reif­ter stra­te­gi­scher Bom­ber, wegen tech­ni­scher Schwie­rig­kei­ten mit Zam­peri­ni und 10 wei­te­ren Crew­mit­glie­dern ca. 1360 Kilo­me­ter süd­lich von Hawaii ins Meer. Nur Zam­peri­ni, der Pilot Rus­sel Allen „Phil“ Phil­ipps (1916–1998) und der Heck­schüt­ze Fran­cis McNamar­ra (1920–1943) über­leb­ten den Absturz und konn­ten sich zunächst in einem Ret­tungs­boot, das in der deut­schen Über­set­zung sei­ner Erin­ne­run­gen als Schlauch­boot bezeich­net wird, in Sicher­heit brin­gen. Nach 33 Tagen, am 30. Juni 1943, ver­starb McNamar­ra. Wäh­rend die­ser Zeit will Zam­peri­ni ein, dann auch wie­der schnell ver­ges­se­nes Stoß­ge­bet aus­ge­spro­chen haben:

Ich drück­te es in arm­se­li­gen Wor­ten aus: ‚Unser Vater im Him­mel, wir ken­nen dei­ne Wege nicht. Hier sind wir ohne unse­ren Wunsch und unser Zutun, voll­kom­men hilf­los; tage­lang haben wir kein Was­ser mehr gehabt, erbar­me dich, o Gott!‘ In mei­ner Ver­zweif­lung füg­te ich noch hin­zu – obgleich es mir vor­kam, als ob ich mit jeman­dem einen Han­del abschlie­ßen woll­te – : ‚Erhö­re mein Gebet heu­te. Ich ver­spre­che dir, wenn ich nach all­dem, was mir jetzt und künf­tig noch bevor­steht, nach Hau­se kom­me, so wer­de ich dich suchen und dir bis zum Ende mei­nes Lebens die­nen.‘ “ [S. 87]

Nach 47 Tagen und einer zurück­ge­leg­ten Stre­cke von ca. 3200 Kilo­me­tern, wärend der sie von Hai­en und japa­ni­schen Tief­flie­gern atta­ckiert wur­den, erreich­ten die bei­den Über­le­ben­den Wotje, ein Atoll der Marshall‐Inseln, auf dem sie, vom Regen in die Trau­fe kom­mend, umge­hend in japa­ni­sche Kriegs­ge­fan­gen­schaft gerie­ten und nach Kwa­jalein, dem größ­ten Koral­len­atoll der Erde, über­führt wur­den. Wäh­rend der 43 Tage dort, von Dengue‐Fieber ent­kräf­tet, wur­den sie medi­zi­ni­schen Ver­su­chen aus­ge­setzt, in denen ihnen „intra­ve­nös eine rau­chi­ge Flüs­sig­keit“ ver­ab­reicht wur­de.

Man benutz­te uns als Meer­schwein­chen. Nach jeder Sprit­ze wur­de uns schwind­lig, rote Pickel bra­chen aus und brann­ten stun­den­lang.“ [S. 106]

Die­se medi­zi­ni­schen Ver­su­che, die unzu­rei­chen­de Ver­sor­gung der Gefan­ge­nen und Quä­le­rei­en mit kochen­dem Was­ser an Zam­peri­ni und Phil­ipps kon­sti­tu­ier­ten einen Ankla­ge­punkt gegen Vize­ad­mi­ral Koba­ya­shi Masa­shi (auch: Masa­mi) 小林仁 (1890–1977), der in einem Kriegs­ver­bre­cher­pro­zeß auf Guam im Mai 1948 als 1943 für die Marshall‐Inseln zustän­di­ge Ober­kom­man­die­ren­de der japa­ni­schen 4. Flot­te für unter sei­nem Kom­man­do durch Unter­ge­be­ne ver­üb­te Kriegs­ver­bre­chen (u.a. die unau­to­ri­sier­ten Hin­rich­tun­gen von 98 Gefan­ge­nen durch Kon­ter­ad­mi­ral Sakai­ba­ra Shi­ge­matsu 酒井原繁松) gemäß des völ­ker­recht­li­chen Grund­sat­zes der „Vor­ge­setz­ten­ver­ant­wort­lich­keit“ (com­man­ding respon­si­bi­li­ty) zu einer 15‐jährigen Haft­stra­fe ver­ur­teilt wur­de, wenn­gleich man Koba­ya­shi auch 1952 amnes­tier­te.

Bis zu sei­ner Befrei­ung Anfang Sep­tem­ber 1945 durch­lief Zam­peri­ni drei japa­ni­sche Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger in Japan selbst:

  • Sep­tem­ber 1943 – Sep­tem­ber 1944: das „Lager Ôfu­na“ (Ôfu­na  shûyôjo 大船収容所), offi­zi­ell Yoko­suka kai­gun kei­bi­tai Ueki bun­ken­tai 横須賀海軍警備隊植木分遣隊, ein nicht als Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger regis­trier­tes, gehei­mes Ver­hör­la­ger der japa­ni­schen Mari­ne in der Stadt Kama­ku­ra,
  • Sep­tem­ber 1944 – Febru­ar 1945: das „Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger Ômo­ri“ (Ômo­ri furyo shûyôjo 大森俘虜収容所) im heu­ti­gen Stadt­be­zirk Shina­ga­wa der japa­ni­schen Haupt­stadt, offi­zi­ell: „Haupt­kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger Tôkyô“ (Tôkyô furyo shûyôjo hon­jo 東京俘虜収容所本所), auf einer durch Kriegs­ge­fan­ge­ne geschaf­fe­nen, klei­nen künst­li­chen Insel in der Bucht von Tôkyô zur Iso­lie­rung der Häft­lin­ge, und
  • bis 5. Sep­tem­ber 1945: das „Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger Nao­e­tsu“ (Nao­e­tsu horyo shûyôjo 直江津捕虜収容所), offi­zi­ell: „4. Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­ger Tôkyô“ (Tôkyô furyo shûyôjo dai‐yon bun­jo 東京俘虜収容所第四分所), im Süd­wes­ten der Prä­fek­tur Niiga­ta, des­sen letz­ter Stand­ort heu­te zur Stadt Jôetsu 上越市 gehört;

Allen Lagern war eine außer­or­dent­lich schlech­te Behand­lung der Kriegs­ge­fan­ge­nen gleich. Neben einer defi­zi­tä­ren Ver­sor­gung der Insas­sen mit Lebens­mit­teln und einer unge­nü­gen­den medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung gehör­ten bru­ta­le Quä­le­rei­en und die Miß­ach­tung der Men­schen­wür­de zum All­tag. Neben Prü­geln und Trit­ten, die an der Tages­ord­nung waren, berich­te­te Zam­peri­ni 1957 von dem Fall eines Pilo­ten, der gegen Ende des Win­ters 1944 sei­nen Ver­let­zun­gen erlag und des­sen Leich­nam „für ein Schein­ex­er­zie­ren mit dem Bajo­nett“ [S. 111] ver­wen­det wor­den sein soll. Für Zam­peri­ni wur­de der Auf­se­her Watan­a­be Mit­su­hi­ro 渡邊睦裕 (1918–2003), genannt „Vogel“, zum Inbe­griff des bru­ta­len und rück­sichts­lo­sen Bewa­chers, dem er erst­mals auf sei­ner zwei­ten Sta­ti­on in Ômo­ri anläß­lich eines Appells, bei dem Watan­a­be einen Gefan­ge­nen miß­han­del­te, begeg­ne­te:

Dies war mein ers­tes Zusam­men­tref­fen mit Watan­a­be Mit­su­hi­ro, dem – ohne Zwei­fel und zumin­dest sei­ner Gesin­nung nach – japa­ni­schen Kriegs­ver­bre­cher Nr. 1. Außer­halb jeg­li­cher Ord­nung, unglaub­lich bru­tal und böse wie ein Kind, das einem Schmet­ter­ling die Flü­gel aus­reißt, wur­de er bald der Inbe­griff mei­nes bis dahin ziel­lo­sen Has­ses gegen alles Japa­ni­sche. mei­ne gan­ze seit­he­ri­ge Ver­ach­tung all­ge­mei­ner Art fand jetzt einen Grund und ein Ziel.“ [S. 121]

Schon in Nao­e­tsu inter­niert, berich­tet Zam­peri­ni bei­spiels­wei­se von einer durch Watan­a­be, der auch dort zum Wach­per­so­nal gehör­te, erdach­ten Stra­fe für alle dort inter­nier­ten Offi­zie­re dafür, daß die­se ihre Auf­sichts­pflicht ver­letzt hät­ten, als zwei Sol­da­ten ein Stück Tro­cken­fisch gestoh­len hät­ten:

Ser­geant Watan­a­be hat­te einen immer­wäh­ren­den Haß auf alle Offi­zie­re, die ihn bestän­dig dar­an erin­ner­ten, daß er selbst kei­nen höhe­ren Rang zu errei­chen ver­mocht hat­te. Nun war ein Weg gefun­den, auf dem er Ernied­ri­gung und Fol­ter ver­ei­nen konn­te.
Er ließ die 80 Sol­da­ten antre­ten und zwang sie, an uns sechs Offi­zie­ren vor­über­zu­ge­hen und jeden von uns ins Gesicht zu schla­gen. Wenn uns die Leu­te nicht stark genug schlu­gen, erhiel­ten sie mit einem Stock einen Hieb auf den Kopf und muß­ten den Schlag wie­der­ho­len. ‚Haut uns gleich das ers­te Mal rich­tig, damit ihr bald fer­tig seid!‘ flüs­ter­ten wir schließ­lich und straff­ten uns für die Schlä­ge. Wir nah­men sie hin, bis wir das Bewußt­sein ver­lo­ren und zu Boden fie­len. Der Vogel kom­man­dier­te wei­ter: ‚Nächs­ter!… Nächs­ter!… Nächs­ter!…‘ “ [S. 139]

Im Rah­men der straf­recht­li­chen Auf­ar­bei­tung der an alli­ier­ten Kriegs­ge­fan­ge­nen began­ge­nen Ver­bre­chen fan­den unter dem Straf­vor­wurf der „Ver­let­zung der Geset­ze und Gebräu­che im Krieg“ bis zum Ende der 1940er Jah­re zahl­rei­che Ver­fah­ren gegen so genann­te „Kriegs­ver­bre­cher der Kate­go­rie B und C“ in Japan und in den ehe­mals von Japan besetz­ten Gebie­ten statt. Geahn­det wur­den Fol­te­run­gen, die Ver­wei­ge­rung einer medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung und die unzu­rei­chen­de Lebens­mit­tel­be­reit­stel­lung eben­so wie der Ein­satz der Kriegs­ge­fan­ge­nen zur Zwangs­ar­beit. Auch die Ange­hö­ri­gen des Wach‐ und Ver­hör­per­so­nals der Lager, in denen Zam­peri­ni ein­ge­ses­sen hat­te, wur­den in der­ar­ti­gen Ver­fah­ren abge­ur­teilt. Watan­a­be hin­ge­gen konn­te sich, anfangs durch Flucht und Unter­tau­chen, zeit­le­bens einem Ver­fah­ren ent­zie­hen.

Versöhnung? Zamperini nach dem Krieg

Zam­peri­ni kehr­te, 1944 bereits für tot erklärt, als Held in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten zurück. Das in japa­ni­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­gern Erlit­te­ne, aber auch sein noch nicht ver­blaß­ter Ruhm als Spit­zen­sport­ler und Olym­pia­teil­neh­mer tru­gen dazu bei. Sport‐ und ande­re Ver­an­stal­tun­gen zu sei­nen Ehren und ein nach ihm benann­ter Flug­ha­fen sei­ner Hei­mat­stadt konn­ten aber die Erin­ne­run­gen an die erlit­te­ne Lager­haft lang­fris­tig nicht ver­drän­gen. Alb­träu­me und ein erhöh­ter Alko­hol­kon­sum droh­ten sei­ne nach Kriegs­en­de geschlos­se­ne Ehe zu gefähr­den. Dies habe sich erst geän­dert, nach­dem Gott zum „Angel­punkt“ [S. 222] sei­nes Lebens gewor­den sei, erklärt Zam­peri­ni. Hier mein­te er sich auch sei­nes auf See aus­ge­spro­che­nen Ver­spre­chens zu erin­nern. Vor­trags­ver­an­stal­tun­gen im christ­li­chen Auf­trag führ­ten ihn zunächst durch die Ver­ei­nig­ten Staa­ten, bis er 1950 erst­mals auch wie­der Japan besuch­te. Neben lan­des­wei­ten Mis­si­ons­ver­an­stal­tun­gen hielt er auch im Sugamo‐Gefängnis in Tôkyô vor inhaf­tier­ten Kriegs­ver­bre­chern einen Vor­trag über sei­ne christ­li­che Erwe­ckung, bei denen er auch mit ihm per­sön­lich bekann­ten Häft­lin­gen aus dem Kreis sei­ner ehe­ma­li­gen Bewa­cher und Pei­ni­ger zusam­men­traf:

Ich lächel­te ihnen zu, trat zu ihnen und schüt­tel­te jedem ein­zeln die Hand. Ich war glück­li­cher denn je, denn ich konn­te wirk­li­che Bewe­gung in die­sen Gesich­tern bemer­ken und ich fühl­te, daß wir jetzt Brü­der waren. (…)
Und dann dach­te ich an den Vogel. Ja, auch ihm wür­de ich die Hand zur Ver­söh­nung bie­ten, auch ihm den glei­chen wun­der­ba­ren Weg zei­gen, den ich gegan­gen war.“ [S. 261–262]

Die­se Weg­wei­sung lehn­te Watan­a­be aber kate­go­risch ab. Einen letz­ten Ver­such, sei­nem Pei­ni­ger per­sön­lich sei­ne Ver­ge­bung aus­zu­drü­cken, schei­ter­te 1998 an Watana­bes Unwil­len, als Zam­peri­ni erneut Japan anläß­lich der bevor­ste­hen­den Olym­pi­schen Win­ter­spie­le in Naga­no besuch­te, um eine Weg­stre­cke in der Nähe des „Kriegs­ge­fan­ge­nen­la­gers Nao­e­tsu“ das olym­pi­sche Feu­er zu tra­gen.

Neben sei­ner mis­sio­na­ri­schen Tätig­keit wid­me­te sich Zam­peri­ni in den 1950er Jah­ren in der Nähe von Los Ange­les dem Auf­bau eines christ­li­chen Feri­en­camps für Jugend­li­che aus sozia­len Brenn­punk­ten, dem Vic­to­ry Boys Camp, mit des­sen Eröff­nung die ers­te Auto­bio­gra­phie Zam­peri­nis endet. Die­ses Camp besteht heu­te nicht mehr. Den­noch möch­te ein Enkel Zam­peri­nis, Clay Zam­peri­ni, die nun welt­weit auf­le­ben­de Popu­la­ri­tät sei­nes Groß­va­ters offen­bar nut­zend, die­ses Pro­jekt wie­der­be­le­ben und wirbt zu die­sem Zweck gegen­wär­tig Spen­den ein.

Die Ver­fil­mung eines wich­ti­gen Aspekts der „vie­len Leben“ Lou­is Zam­peri­nis als Spit­zen­sport­ler, Sol­dat und Pre­di­ger – Der Film endet mit sei­ner Befrei­ung aus japa­ni­scher Haft. – als einer Chif­fre für so genann­tes „Hel­den­tum“ ließ erstaun­lich lan­ge auf sich war­ten, dürf­te aber im sieb­zigs­ten Jahr nach Ende des Asiatisch‐Pazifischen Krie­ges vor­wie­gend in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten durch­aus einem Wunsch nach Selbst­ver­ge­wis­se­rung in unsi­che­ren Zei­ten ent­spre­chen. Japa­ni­sche rechts­kon­ser­va­ti­ve Krei­se ihrer­seits haben dem Film, zumin­dest im Aus­land, mehr media­le Auf­merk­sam­keit ver­schafft, als ihnen selbst lieb sein dürf­te. Die­se Auf­merk­sam­keit ver­dient das Leben Lou­is Zam­peri­nis alle­mal. Bücher und Film kön­nen gleich­wohl kei­ne wis­sen­schaft­li­che und geschichts­po­li­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung in Japan selbst über den Umgang mit alli­ier­ten Kriegs­ge­fan­ge­nen in der Kriegs­zeit erset­zen, die Ver­hin­de­rung ihres Erschei­nens dort aber auch kei­ne gebo­te­ne Beschäf­ti­gung mit der Sache selbst.

Nach­trag (28.02.2016): Mehr als ein Jahr nach sei­ner Welt­ur­auf­füh­rung wur­de der Film am 6. Febru­ar 2016 nun auch unter dem Titel „Der unbeug­sa­me Mann – Unbro­ken“ (不屈の男 - アンブロークン) erst­mals in Japan gezeigt. Er star­te­te im „Thea­t­re Image Forum“ in Tôkyô. Für die kom­men­den Mona­te sind in eini­gen Kinos lan­des­weit wei­te­re Auf­füh­run­gen geplant.

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