Vortrag zum „Moses & Jesus in Japan“-Narrativ bei der „Initiative zur historischen Japanforschung“ (Leipzig, 3./4.11.2018)

Am 3. und 4. Novem­ber 2018 fin­det an der Japa­no­lo­gie der Uni­ver­si­tät Leip­zig die 32. Tagung der „Initia­ti­ve zur his­to­ri­schen Japan­for­schung“, deren Pro­gramm gera­de ver­öf­fent­licht wur­de, statt. Bis 20. Okto­ber sind Anmel­dung zu die­ser kos­ten­frei­en Tagung mög­lich.

Dort wer­de ich einen Vor­trag zu „Ex ori­en­te lux – Über das Nar­ra­tiv eines Lebens und Ster­bens von Moses und Jesus Chris­tus in Japan“ hal­ten. Neben einem Moses-Grab in Hôdatsu-Shimizu in der Prä­fek­tur Ishi­ka­wa fin­det sich in Japan auch ein Christus-Grab im Dorf Shin­go in der Prä­fek­tur Aom­ori. Deren mut­maß­li­che „Ent­de­ckun­gen“ in den 1930er Jah­ren sind nicht etwa in einem christ­li­chen Kon­text ver­ständ­lich, son­dern einem grö­ße­ren Kor­pus von Tex­ten und Arte­fak­ten, den Takeuchi-Dokumenten (Takeu­chi mon­jo 竹内文書), geschul­det, von denen eine brei­te­re japa­ni­sche Öffent­lich­keit in den 1920er Jah­ren Kennt­nis erhielt. Die­ser Text­kor­pus lie­fer­te die Begrün­dung für eine, den durch die Macht­ha­ber pro­pa­gier­ten Über­zeu­gun­gen der Zeit völ­lig zuwi­der­lau­fen­de „Reichs­ge­schich­te“ Japans, die sich auf­grund ihrer Inhal­te weit eher als „Welt­ge­schich­te“ offen­bar­te. Die etwa 4000 Tex­te und Arte­fak­te prä­sen­tier­ten sich als ein Kom­pen­di­um von Doku­men­ten und Gegen­stän­den, das die gesam­te Span­ne der japa­ni­schen Geschich­te, von der Schöp­fung der Welt bis in die Anfangs­jah­re der Meiji-Zeit, abzu­de­cken schien. Neben Auf­zeich­nun­gen auf Baum­rin­de, Leder oder Papier gehör­ten zu der Samm­lung eben­so Stei­ne mit ver­schie­de­nen, vor­nehm­lich in „Schrift­zei­chen der Göt­ter­zeit“ (kami­yo moji, auch jin­dai moji 神代文字) aus­ge­führ­ten Inschrif­ten. Als hei­li­ge Schrif­ten einer in Shintô-Tradition ste­hen­den Neu­en Reli­gi­on (shintô-kei shin-shûkyô 神道系新宗教) las­sen sich die Takeuchi-Dokumente in ihrer religions- und poli­tik­wis­sen­schaft­li­chen Exege­se unter dem Dach des reli­giö­sen Fun­da­men­ta­lis­mus und Natio­na­lis­mus, hier des Shintô-Nationalismus, ver­or­ten. In mei­nem Vor­trag wer­de ich unter beson­de­rer Berück­sich­ti­gung einer „Moses & Jesus in Japan“-Legende das Augen­merk auf die Inhal­te der Doku­men­te, die gleich­wohl weit­ge­hend als Fäl­schun­gen zu klas­si­fi­zie­ren sind, sowie auf die Ent­ste­hung der orga­ni­sa­to­ri­schen Struk­tur die­ser heu­te noch bestehen­den Neu­en Reli­gi­on und ihre auch zeit­ge­nös­sisch straf­recht­lich rele­van­te Geschich­te bis 1945 rich­ten.

Vorträge anläßlich der „Langen Nacht der Wissenschaften“ (9. Juni 2018, Freie Universität Berlin)

Am 9. Juni 2018 fin­det von 17:00 bis 24:00 Uhr in Pots­dam & Ber­lin die „Lan­ge Nacht der Wis­sen­schaf­ten“ statt. Die Japa­no­lo­gie der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin ist mit einem Pro­gramm unter dem Titel „Japan – fern­ab von Fuku­shi­ma“ mit­ten­drin. Im Rah­men die­ses Pro­gramms bin ich mit zwei Vor­trä­gen ver­tre­ten:

Von 17:00 bis 18:00 Uhr spre­che ich zu Kin­dern im Alter von 6 bis 12 Jah­ren (und zu Per­so­nen mit kind­li­chem Gemüt) über „Samu­rai – die ‚Rit­ter‘ Japans“ (Freie Uni­ver­si­tät Ber­lin, Holz­lau­be, Raum OG, 1.2051).
Was soll­te einem in den Sinn kom­men, wenn man von Samu­rai hört? Kämp­fer? Rit­ter? Die Samu­rai waren viel mehr! Sie waren Gelehr­te, Dich­ter und Beam­te. Von ihren Auf­ga­ben, ihrem Leben und ihrer Bedeu­tung in der japa­ni­schen Geschich­te han­delt die­ser Vor­trag.

Von 22:00 bis 23:00 Uhr hal­te ich einen Vor­trag unter dem Titel „ ‚Gast bin ich in frem­dem Land‘ − Das Nar­ra­tiv über Leben und Ster­ben von Moses und Jesus Chris­tus in Japan“ (Freie Uni­ver­si­tät Ber­lin, Holz­lau­be, Raum OG, 1.2051).
In Japan befin­den sich ein Moses-Grab und ein Grab Chris­ti. Was führ­te zur Ent­de­ckung die­ser Grä­ber? In die­sem Vor­trag wer­den religions- und poli­tik­wis­sen­schaft­lich hei­li­ge Schrif­ten einer Reli­gi­on ana­ly­siert, deren Ziel sich in den 1930er Jah­ren auf eine Japa­ni­sie­rung des Chris­ten­tums im Kon­text der Geschich­te Japans rich­te­te.

Am Golde hängt doch alles“ – das „Schriftzeichen des Jahres“ 2016 in Japan

Das Jahr 2017 ist glück­li­cher­wei­se nicht so weit fort­ge­schrit­ten, daß man nicht noch einen kur­zen Rück­blick auf das ver­gan­ge­ne Jahr wer­fen könn­te. Zeit­man­gel und feh­len­de Ruhe las­sen mich als Teil mei­ner noch ver­gleichs­wei­se jun­gen jähr­li­chen Rou­ti­ne der Jah­re 2013, 2014 und 2015 nun erst ver­spä­tet die­sen Blick auf ein Ereig­nis im Dezem­ber 2016 wer­fen, des­sen jähr­li­che Wie­der­kehr sich in Japan einer gewis­sen media­len Auf­merk­sam­keit erfreut: die Bekannt­ga­be des „Schrift­zei­chens des Jah­res“ (koto­shi no kan­ji 今年の漢字). Wie bei uns jähr­lich das „Wort des Jah­res“, von der Gesell­schaft für deut­sche Spra­che (GfdS) ver­kün­det, ein sich dem Ende zunei­gen­des Jahr beson­ders cha­rak­te­ri­sie­ren sol­le, wur­den seit Anfang Novem­ber 2016 von der „Japa­ni­schen Gesell­schaft zur Über­prü­fung der kan­ji-Fähig­keit“ (Nihon kan­ji nôryo­ku ken­tei kyô­kai 日本能力検定協会) wie­der Vor­schlä­ge für ein chi­ne­si­sches Schrift­zei­chen ein­ge­wor­ben, mit dem sich das Jahr 2016 am bes­ten beschrei­ben las­sen soll­te. Am 12. Dezem­ber, dem „Tag des chi­ne­si­schen Schrift­zei­chens“ (kan­ji no hi 漢字の日), wur­de es wie gewöhn­lich in einer kal­li­gra­phi­schen Zere­mo­nie im Kiyomizu-dera (清水寺), einer der bekann­tes­ten bud­dhis­ti­schen Sehens­wür­dig­kei­ten Kyô­tos, der Öffent­lich­keit vor­ge­stellt. Nach den Jah­ren 2000 und 2012 fiel zum drit­ten Mal die Wahl mehr­heit­lich auf das Schrift­zei­chen (kin – kon / kane – kana) mit sei­nen Bedeu­tun­gen „Geld“, „Gold“, „gold­far­ben“, „(Edel-)Metall“. Wie viel­fäl­tig die ein­ge­reich­ten Vor­schlä­ge gewe­sen sein müs­sen, zeigt jedoch deut­lich, daß die­ses Schrift­zei­chen mit nur 6.655 von ins­ge­samt abge­ge­be­nen 153.562 Stim­men bzw. einem Stim­men­an­teil von 4,33 % den ers­ten Platz erreich­te. Wei­ter­le­sen

Prokofjew in Japan

orangenWäh­rend eines For­schungs­auf­ent­hal­tes an der Waseda-Universität in Tôkyô, der vor weni­gen Tagen ende­te, führ­te mich mein Weg von mei­ner Unter­kunft zur Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek immer an die­sem Café vor­bei. Inner­lich schmun­zel­te ich unver­mit­telt. Die Gedan­ken reis­ten dann in mei­ne Ver­gan­gen­heit, die län­ger als mei­ne Zukunft sein dürf­te. Damals, „als Napo­le­on auf Mos­kau ging“, so gegen Ende der 1970er Jah­re, ver­paß­te uns ein wohl­mei­nen­der Deutsch­leh­rer ein Abon­ne­ment für das Staats­thea­ter Braun­schweig – eine bun­te Plat­te aus Oper, Thea­ter, Bal­lett. Alles in allem war das kei­ne schlech­te Erfah­rung, wenn auch für einen Teen­ager (und heu­te wohl noch immer für mich) 5 oder 6 Stun­den „Faust, Zwei­ter Teil“ doch etwas over the top waren und ich noch gut erin­ne­re, wie groß die Gefahr war, als im „Schwa­nen­see“ der Prinz bei einer Hebe­fi­gur die Pri­ma­bal­le­ri­na asso­lu­ta des Corps de bal­let jenes nie­der­säch­si­schen Städt­chens – ein klei­nes „Pum­mel­chen“ – bei­na­he in den Zuschau­er­raum „wei­ter­ge­reicht“ hät­te. Wei­ter­le­sen

Henry St. John Bolingbroke (1678–1751) zum Brexit

Nur zur Abwechs­lung und aus­nahms­wei­se eine Fund­sa­che zu einem nicht-japanbezogenen The­ma:

Fast könn­te man den Ein­druck gewin­nen, Hen­ry St. John, 1. Vis­count Boling­bro­ke, einer der bri­ti­schen Phi­lo­so­phen in der Zeit der Auf­klä­rung und ein zeit­ge­nös­sisch nicht unum­strit­te­ner Poli­ti­ker, habe den Aus­tritt des Ver­ei­nig­ten König­reichs aus der Euro­päi­schen Uni­on vor­her­ge­se­hen. Es scheint zumin­dest, als hät­te er ihn befür­wor­tet.

Our nati­on inha­bits an island, and is one of the princi­pal nati­ons of Euro­pe; but to main­tain this rank, we must take the advan­ta­ges of this situa­ti­on, which have been neglec­ted by us for almost half a cen­tu­ry; we must always remem­ber, that we are not part of the con­ti­nent, but we must never for­get, that we are neigh­bours to it. I will con­clu­de, by app­ly­ing a rule, that Hor­ace gives for the con­duct of an epic or dra­ma­tic poem, to the part Gre­at Bri­tain ought to take in the affairs of the con­ti­nent, if you allow me to trans­form Bri­tan­nia into a male divini­ty, as the ver­se requi­res.

Nec Deus inter­sit nisi dignus vin­di­ce nodus
Inci­de­rit.“

Hen­ry St. John Boling­bro­ke (1678–1751), Let­ters on the Stu­dy and Use of Histo­ry (1752)

Ob nun aber das Ver­ei­nig­te König­reich tat­säch­lich über jene „über­na­tür­li­che Kraft“ eines „Got­tes“ ver­fügt, der nicht ein­zu­schal­ten ist, wenn die­se nicht zur Ent­wick­lung erfor­der­lich ist, mag dahin­ge­stellt blei­ben.

Die Erdbeben auf Kyûshû vom April 2016 & die Demagogie

Seit­dem am 14. April die süd­lichs­te der vier japa­ni­schen Haupt­in­seln, Kyûs­hû, mit der Prä­fek­tur Kuma­mo­to im Fokus von einem schwe­ren Erd­be­ben getrof­fen wur­de, dem seit­her in einer unun­ter­bro­che­nen Ket­te zum Teil noch weit schwe­re „Nach­be­ben“ fol­gen, bro­delt die Gerüch­te­kü­che in den sozia­len Netz­wer­ken. Es sind die­se – nichts zuletzt psy­chi­schen – Aus­nah­me­si­tua­tio­nen, die der Ver­brei­tung von Gerüch­ten Vor­schub leis­ten, wenn auch die Anony­mi­tät des Inter­nets heut­zu­ta­ge dabei inzwi­schen för­der­lich sein mag. Man­che Gerüch­te neh­men dabei gar nicht zwin­gend in der betrof­fe­nen Regi­on ihren Aus­gang, son­dern wer­den aus falsch­ver­stan­de­nem „Spaß“ andern­orts hämisch „kom­po­niert“.  Gleich­wohl fühlt man sich wie auf einer Zeit­rei­se – in den Sep­tem­ber 1923 und nach Tôkyô, als Ver­leum­dun­gen, von der zeit­ge­nös­si­schen Pres­se­be­richt­erstat­tung flan­kiert, zu gewalt­sa­men Aus­schrei­tun­gen gegen die korea­ni­sche Min­der­heit in der japa­ni­schen Haupt­stadt­re­gi­on nach dem schwe­ren Kantô-Erdbeben vom 1. Sep­tem­ber 1923 (Kan­tô dais­hin­sai, 関東大震災) führ­ten. Ähn­lich üble Gerüch­te, japa­nisch デマ (dema, von: Dem­ago­gie), wie damals wer­den jetzt gera­de, in dem Moment, in dem die­ser kur­ze Bei­trag ent­steht, im Kon­text des Kumamoto-Erdbebens über den Kurz­nach­rich­ten­dienst Twit­ter in statt­li­cher Zahl ver­brei­tet: Wei­ter­le­sen

Sicherheit & ihr Gegenbild – das „Schriftzeichen des Jahres“ 2015 in Japan

kotoshi_no_kanji_2015Nicht wie bis­her üblich am 12. Dezem­ber, dem „Tag des chi­ne­si­schen Schrift­zei­chens“, son­dern etwas ver­spä­tet wur­de heu­te das japa­ni­sche „Schrift­zei­chen des Jah­res“ (koto­shi no kan­ji 今年の漢字) 2015 bekannt gege­ben. Wie schon in den Vor­jah­ren hat­te die „Japa­ni­sche Gesell­schaft zur Über­prü­fung der kan­ji–Fähig­keit“ (Nihon kan­ji nôryo­ku ken­tei kyô­kai 日本漢字能力検定協会) lan­des­weit Vor­schlä­ge für ein chi­ne­si­sches Schrift­zei­chen ein­ge­wor­ben, das die viel­schich­ti­gen Ent­wick­lun­gen Japans im Jahr 2015 reprä­sen­tie­re. Von ins­ge­samt abge­ge­be­nen 129.647 fiel mit 5.632 Stim­men (= 4,3 %) die Wahl auf das Schrift­zei­chen  mit den Lesun­gen an / yasu[-i] - yasun[-jiru] – izu[-kunzo] sowie sei­nen Bedeu­tungen „sicher“, „fried­lich“, „bequem“ und „bil­lig“. Wie schon sei­ne Vor­gän­ger der Jah­re 2013 und 2014 und wie das „Schrift­zei­chen der Zukunft“ (mirai no kan­ji 未来の漢字) wur­de das dies­jäh­ri­ge chi­ne­si­sche Sie­ger­zei­chen auch in einer kal­li­gra­phi­schen Zere­mo­nie im Kiyomizu-dera (清水寺) vom Vor­stand die­ses bud­dhis­ti­schen Tem­pels Mori Sei­han 森清範 der Öffent­lich­keit vor­ge­stellt. Wei­ter­le­sen