Vor 30 Jahren: Zum Tod des Shôwa Tennô (1901–1989) am 7. Januar 1989

Ein trüber Tag im Januar 1989

Der 7. Janu­ar 1989 war im Groß­raum Tôkyô der Erin­ne­rung nach ein trü­ber Tag. Die Wol­ken­de­cke schien ein­fach nicht auf­rei­ßen zu wol­len. Ein deut­scher Schü­ler an einer der renom­mier­ten Schu­len der Haupt­stadt für japa­ni­sche Spra­che hat­te eine unru­hi­ge Nacht ver­bracht und war für sei­ne Ver­hält­nis­se sehr früh wach. Nach neun Mona­ten in Japan galt es, sich lang­sam und nur wider­wil­lig auf die für März bevor­ste­hen­de Heim­rei­se vor­zu­be­rei­ten. Die mor­gend­li­che Käl­te, die unter der schlecht iso­lier­ten Bal­kon­tür in sein Ein‐Zimmer‐Appartment in der Peri­phe­rie Tôkyôs zog, ließ sich mit einem klei­nen elek­tri­schen Ofen nur unvoll­kom­men bekämp­fen. Noch wäh­rend er leicht frös­telnd dar­auf war­te­te, daß im Kes­sel auf dem Gas­herd end­lich das Was­ser die erfor­der­li­che Betriebs­tem­pe­ra­tur für den, die Lebens­geis­ter erwe­cken­den Kaf­fee erreich­te, stell­te er zur Ablen­kung den klei­nen Fern­se­her an, der ihm von sei­nem Ver­mie­ter „zur Ver­bes­se­rung des Hör­ver­ständ­nis­ses“ über­las­sen wor­den war. Hin­gen die Gedan­ken auch zunächst noch an der für den Abend des Tages vor­ge­se­he­nen Ver­ab­re­dung mit Freun­den, um eine der gro­ßen Dis­ko­the­ken Rop­pon­gis zu besu­chen, war er schnell von dem gefan­gen, was er im öffentlich‐rechtlichen Fern­se­hen Japans in die­ser mor­gend­li­chen Stun­de zu hören bekam. In Abwei­chung vom vor­ge­se­he­nen Pro­gramm fand er sich in einer Son­der­sen­dung, in der der Nach­rich­ten­spre­cher mit sehr erns­ter Mie­ne von jüngs­ten Ent­wick­lun­gen im Kai­ser­pa­last berich­te­te. Schon in den frü­hen Mor­gen­stun­den sei­en zahl­rei­che Fahr­zeu­ge des Kai­ser­li­chen Haus­halts mit Ange­hö­ri­gen der Kai­ser­fa­mi­lie und Regie­rungs­li­mou­si­nen, mut­maß­lich mit dem Minis­ter­prä­si­den­ten und wei­te­rer hoher Reprä­sen­tan­ten des offi­zi­el­len Japan an Bord, in das Are­al des Kai­ser­pa­las­tes ein­ge­fah­ren. Dann wur­de plötz­lich in den Pres­se­raum des Kai­ser­li­chen Haus­halts­am­tes (kunaichô 宮内庁) geschal­tet, in dem sich der Amts­lei­ter Fuji­mo­ri Shôi­chi 藤森昭一 (1926–2016) vor­be­rei­te­te, eine Erklä­rung abzu­ge­ben. Er über­brach­te, hin­sicht­lich der Wort­wahl und der gram­ma­ti­schen Kon­struk­ti­on der Ver­laut­ba­rung auf dem höchs­ten Niveau, das die japa­ni­sche Höf­lich­keits­spra­che zu bie­ten hat, eine Nach­richt, die das gesam­te gesell­schaft­li­che Leben Japans in den nächs­ten Wochen beherr­schen soll­te. Gera­de erst, am frü­hen Mor­gen des 7. Janu­ar 1989, um 6:33 Uhr, sei der Ten­nô ver­stor­ben.

Die „unruhige/bewegte“ Shôwa‐Zeit (gekidô no Shôwa 激動の昭和)

Was sich nun ankün­dig­te, war eine tat­säch­li­che Zei­ten­wen­de in Japan, wenn auch das Able­ben des Mon­ar­chen im 64. Jahr sei­ner Regent­schaft seit sei­ner Thron­be­stei­gung 1926 und im Alter von 87 Jah­ren nicht völ­lig über­rasch­te. Am Mor­gen des 20. Sep­tem­ber 1988 war die japa­ni­sche Nati­on mit der Nach­richt auf­ge­schreckt wor­den, der Gesund­heits­zu­stand des Mon­ar­chen sei ernst. Nach­dem der Ten­nô bereits am 18.9. einen Besuch des Sumô‐Herbstturniers wegen Fie­bers hat­te absa­gen müs­sen, fand auch am 19.9. ein Ter­min zur Bericht­erstat­tung über die natio­na­le Poli­tik durch Minis­ter­prä­si­dent Takes­hi­ta Nobo­ru 竹下登 (1924–2000) schon nicht mehr statt. Durch Blu­tun­gen, die in der Nacht zum 20.9. ein­setz­ten, ver­schlech­ter­te sich der Gesund­heits­zu­stand des Kai­sers. In den 111 Tagen sei­nes Kran­ken­la­gers wur­den täg­lich detail­lier­te medi­zi­ni­sche Bul­le­tins der Hof­ärz­te ver­öf­fent­licht, denen, unter der für jenen Sprach­schü­ler heu­te noch über­ra­schen­den Miß­ach­tung der Pri­vatssphä­re des Pati­en­ten, kon­kre­te Infor­ma­tio­nen zu Blut­druck, Puls, Kör­per­tem­pe­ra­tur, Nah­rungs­auf­nah­me, Umfang und Art der Blu­tun­gen, Men­ge der Blut­trans­fu­sio­nen, und gele­gent­lich auch der Aus­schei­dun­gen zu ent­neh­men waren. Allein die fast täg­li­chen Blut­trans­fu­sio­nen, die bis zum Able­ben des Kai­sers eine Gesamt­men­ge von 31,865 Litern erreich­ten, stei­ger­te die Blut­spen­de­be­reit­schaft im Lan­de erheb­lich. An vie­len Bahn­hö­fen, zumin­dest in der Haupst­stadt­re­gi­on, spros­sen plötz­lich mobi­le Blut­spen­de­ein­rich­tun­gen wie Pil­ze aus dem Boden. Vor die­sen bil­de­ten sich gele­gent­lich sogar Schlan­gen. Nach dem Tode des Mon­ar­chen wur­de bekannt, daß man, einer zumin­dest damals in Japan ver­brei­te­ten Norm ent­spre­chend, dem Ten­nô vor­ent­hal­ten hat­te, daß er an Darm­krebs litt – eine Tat­sa­che, die spä­ter die den Ten­nô betreu­en­den Ärz­te in einen Erklä­rungs­not­stand brach­te. Ab dem Mor­gen des 7. Janu­ar 1989 berich­te­ten die japa­ni­schen Fern­seh­sen­der, selbst die pri­va­ten Sen­de­an­stal­ten über meh­re­re Tage ohne Wer­be­un­ter­bre­chun­gen, über jüngs­te Ent­wick­lun­gen im Palast oder der Regie­rungs­zen­tra­le, nutz­ten aber auch zugleich ihre Sen­de­zeit für einen Rück­blick auf die längs­te Amts­zeit eines japa­ni­schen Mon­ar­chen über­haupt.

Zum vor­herr­schen­den Begriff, um die Shôwa‐Zeit  von ihrem Beginn mit dem Tod des Tais­hô Ten­nô 大正天皇 (geb.: 1879) am 25. Dezem­ber 1926 bis zu ihrem Ende in den ers­ten Tagen des Jah­res 1989 zu beschrei­ben, wur­de die Voka­bel „unruhig/bewegt“ (geki­dô 激動). In der Tat war jene Epo­che der japa­ni­schen Geschich­te „unru­hig“, gera­de­zu so „bewegt“, daß die­se Wort­wahl fast wie ein Euphe­mis­mus anmu­tet. Der am 29. April 1901 gebo­re­ne Shôwa Ten­nô hat­te bereits im Novem­ber 1921 die Regent­schaft für sei­nen amts­un­fä­hi­gen Vater über­nom­men und beglei­te­te dadurch über fast 70 Jah­re die Ent­wick­lungs­ge­schich­te sei­nes Lan­des an her­aus­ge­ho­be­ner, gele­gent­lich äußerst ein­fluß­rei­cher Posi­ti­on. Wie deut­lich die ers­ten Jahr­zehn­te sei­ner Regent­schaft und Herr­schaft als Ten­nô auch zugleich Tei­le einer Gewalt­ge­schich­te waren, zeig­te sich schon am 27.12.1923, als der Prinz­re­gent nur knapp einen Atten­tats­ver­such über­leb­te, der auf ihn anläß­lich der Eröff­nung des Par­la­men­tes in Tor­ano­mon vom Anar­chis­ten Nan­ba Dai­suke 難波大助 (1899–1924) ver­übt wor­den war. Der nach sei­ner Thron­be­stei­gung im Dezem­ber 1926 als „leben­de Gott­heit“ (ara­hi­to­ga­mi 現人神 / akit­s­uka­mi 現つ神) ver­ehr­te Mon­arch, durch die Gestal­tung des poli­ti­schen Sys­tems Japans mit­tels der Meiji‐Verfassung von 1889 mit umfas­sen­den Kom­pe­ten­zen aus­ge­stat­tet, zeig­te bei ent­schei­den­den Wen­de­punk­ten in der his­to­ri­schen Ent­wick­lung sei­nes Lan­des mal eine über­ra­schen­de Tat‐ und Ent­schei­dungs­kraft, mal gera­de­zu eine den His­to­ri­ker ver­wir­ren­de, sei­ne spä­te­re his­to­ri­sche Ein­schät­zung erschwe­ren­de Taten­lo­sig­keit. Sank­tio­nier­te er auch den stram­men Anti­kom­mu­nis­mus als poli­ti­sche Kon­stan­te im Innern Japans und ver­hielt er sich auch glei­cher­ma­ßen indif­fe­rent gegen­über einer an Bru­ta­li­tät und Schär­fe zuneh­men­den Aggres­si­on des japa­ni­schen Mili­tärs auf dem asia­ti­schen Fest­land wie gegen­über der Ent­schei­dung, 1941 durch den Angriff auf Pearl Har­bor den seit 1931 toben­den Asia­ti­schen in einen Asiatisch‐Pazifischen Krieg aus­zu­deh­nen, zeig­te er etwa bei der Nie­der­schla­gung des „Zwei­ten Auf­stan­des der jun­gen Offi­zie­re“ im Febru­ar 1936 als Putsch­ver­such gegen das par­la­men­ta­ri­sche Sys­tem wie bei der Ent­schei­dung, den Krieg im August 1945 bedin­gungs­los zu been­den, das tat­säch­li­che Aus­maß sei­ner mon­ar­chi­schen Rech­te und Hand­lungs­spiel­räu­me. Die­se Mischung aus Tat­kraft und schein­ba­rer Taten­lo­sig­keit soll­te geschichts­po­li­tisch die Fra­gen nach einer Kriegs­schuld des Shôwa Ten­nô und sei­ner Mit­ver­ant­wor­tung an japa­ni­schen Kriegs­ver­bre­chen über sei­nen Tod hin­aus nie wirk­lich ver­stum­men las­sen.

Die Exis­tenz der japa­ni­schen Mon­ar­chie blieb unge­ach­tet einer Redu­zie­rung des Kai­ser­hau­ses durch die Abschaf­fung der kai­ser­li­chen Neben­li­ni­en mit ihrer Redu­zie­rung auf die kai­ser­li­che Kern­fa­mi­lie, also den Shôwa Ten­nô, des­sen Nach­kom­men und die Fami­li­en sei­ner drei Brü­der, auch nach 1945 gesi­chert. Eine nicht unbe­deu­ten­de Rol­le dürf­te dabei das ver­gleichs­wei­se gute Ver­hält­nis des Ober­kom­man­die­ren­den der Alli­ier­ten Streit­kräf­te in Japan, Gene­ral Dou­glas MacAr­thur (1880–1964), zum Shôwa Ten­nô, aber auch die US‐amerikanische Sor­ge vor einer kom­mu­nis­ti­schen Macht­er­grei­fung in Japan vor dem Hin­ter­grund eines sich abzeich­nen­den Kal­ten Krieg gewe­sen sein. Unge­ach­tet der ein­schnei­den­den gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Ver­än­de­run­gen im Japan der Nach­kriegs­zeit und der For­de­rung nach sei­ner Abdan­kung, die auch aus sei­nem unmit­tel­ba­ren Umfeld erho­ben wur­de, hielt sich der Shôwa Ten­nô auf dem Thron, wenn auch sei­ne Rol­le als Ten­nô im japa­ni­schen Gemein­we­sen durch die so genann­te demo­kra­ti­sche „Frie­dens­ver­fas­sung“ von 1947 zu der eines „Sym­bols des Staa­tes und der Ein­heit des japa­ni­schen Vol­kes“ ver­än­dert wur­de. Der Über­gang gelang dem Shôwa Ten­nô anschei­nend mühe­los. Inmit­ten der Pha­se des gro­ßen Wirt­schafts­wachs­tums konn­te der Mon­arch anläß­lich der Olym­pi­schen Som­mer­spie­le von Tôkyô 1964 „die Welt“ im nun wirt­schaft­lich wie­der­erstark­ten Japan will­kom­men hei­ßen. Die ers­ten Aus­lands­rei­sen eines japa­ni­schen Mon­ar­chen über­haupt, 1971 nach Euro­pa und 1975 in die USA (mit einem legen­dä­ren Besuch des Dis­ney­lands), zeig­ten gleich­wohl, daß abseits einer diplo­ma­ti­schen Nor­ma­li­tät die ers­ten zwan­zig Jah­re sei­ner Herr­schaft deut­li­che Spu­ren im nicht‐japanischen Ver­ständ­nis die­ses Mon­ar­chen hin­ter­las­sen hat­ten. In den 1980er Jah­ren jedoch wirk­te es, als habe der inzwi­schen gebrech­lich wir­ken­de Shôwa Ten­nô nie etwas ande­res, als das demo­kra­ti­sche Japan reprä­sen­tiert. Daß kurz vor sei­nem Tod, am 10. Sep­tem­ber 1988 die ach­te, unver­käuf­li­che wis­sen­schaft­li­che Buch­pu­bli­ka­ti­on die­ses Mee­res­bio­lo­gen über die  „Hydro­zo­en der Sagami‐Bucht“ [相模湾産ヒドロ虫類] unter sei­nem Geburts­na­men Hiro­hi­to 裕仁 erschien, mag dann nur eine Fuß­no­te sei­ner Bio­gra­phie sein. Mit sei­nem Tod kam die „ ‚unruhige/bewegte‘ Shôwa‐Zeit“ (geki­dô no Shôwa 激動の昭和), die auch heu­te noch, drei­ßig Jah­re nach ihrem Ende, ein reich­hal­ti­ges Reser­voir an The­men für die hsto­ri­sche Japan­for­schung bereit­hält, zu ihrem Abschluß.

Gallerie: Zeitungen und Zeitschriften der Zeit

Die neue Epoche: „Heisei“

In Erin­ne­rung bleibt zudem ein Janu­ar­tag des Jah­res 1989, an dem sich ein Ereig­nis an das nächs­te reih­te. Neben der Über­ga­be der Reichs­in­si­gni­en an den neu­en Ten­nô, des­sen Regent­schaft unmit­tel­bar mit dem Tod sei­nes Vaters begon­nen hat­te, war die Ver­kün­dung der neu­en Regie­rungs­de­vi­se durch den dama­li­gen Kabi­netts­se­kre­tär Obuchi Kei­zô 小渕恵三 (1937–2000) für die Bevöl­ke­rung von größ­ter Bedeu­tung, denn durch sie ver­än­der­te sich kalen­da­risch die japa­ni­sche Zeit­rech­nung. Aus dem 64. Jahr Shôwa, das nur weni­ge Tage alt gewor­den war, wur­de das 1. Jahr Heisei.

Seit der Ein­füh­rung des Sys­tems der Regie­rungs­de­vi­sen, die eigent­lich eine Über­nah­me die­ses Sys­tems aus dem damals kul­tu­rell als fort­schritt­lich und vor­bild­haft emp­fun­de­nen Chi­na dar­stell­te, mit „Tai­ka“ – 大化 – der „gro­ßen Reform“ im Jahr 645 hat­ten sich glück­ver­hei­ßen­de Mot­ti für die Regie­rungs­zeit japa­ni­scher Kai­ser eta­bliert. Unmit­tel­bar mit dem Tod des Shôwa Ten­nô wur­de ein Mecha­nis­mus sei­tens der japa­ni­schen Regie­rung in Gang gesetzt, die seit dem 26. Dezem­ber 1926 gül­ti­ge Regie­rungs­de­vi­se „Shôwa“ (= leuch­ten­der Frie­de) auf der Grund­la­ge des „Geset­zes der Regie­rungs­de­vi­se“ (gengô‐hô 元号法) von 1979, dem mit 31 Schrift­zei­chen zweit­kür­zes­ten japa­ni­schen Gesetz, das einen Wech­sel der Regie­rungs­de­vi­se im Fal­le des Able­bens des Mon­ar­chen vor­schreibt, unver­züg­lich zu erset­zen.

Aus drei von Exper­ten in Lite­ra­tur­wis­sen­schaft und Geis­tes­ge­schich­te vor­be­rei­te­ten Vor­schlä­gen – Shûbun 修文, Sei­ka 正化 und Heisei 平成 – wur­de „Heisei“ mit sei­ner Bedeu­tung „Frie­de über­all“ als 247. japa­ni­sche Regie­rungs­de­vi­se aus­ge­wählt. Seit dem Ein­tritt Japans in die Moder­ne 1868 gilt der Grund­satz, daß pro Herr­schafts­zeit eines Ten­nô nur eine Regie­rungs­de­vi­se Ver­wen­dung fin­det. Die Zei­chen­kom­bi­na­ti­on muß zudem ein die Wün­sche und Idea­le des japa­ni­schen Vol­kes sym­bo­li­sie­ren­des Mot­to dar­stel­len, das aus zwei Schrift­zei­chen besteht, die ein­fach zu lesen und zu schrei­ben sind. Die Devi­se darf bis­her nicht schon als Regie­rungs­de­vi­se oder post­hu­mer Name eines Ten­nô ver­wen­det wor­den und auch nicht bereits im umgangs­sprach­li­chen Gebrauch sein. Der Begriff „Heisei“ wur­de aus zwei Wer­ken der chi­ne­si­schen Klas­sik „destil­liert“: einem der 130 Bän­de der „Geschicht­li­chen Auf­zeich­nun­gen“ (史記, chin.: Shi­ji, jap.: Shi­ki) & und einem der fünf Klas­si­ker der chi­ne­si­schen Han‐Dynastie, dem „Buch der Urkun­den“ (書経, chin.: Shu­jing, jap.: Sho­kyô). In den aus­ge­wähl­ten Text­stel­len kommt der Wunsch zum Aus­druck, im Inne­ren wie Äuße­ren möge Frie­de herr­schen. Durch die Unter­schrift des neu­en Ten­nô und das kai­ser­li­che Sie­gel wur­de „Heisei“ ab dem 8. Janu­ar 1989, 0 Uhr als neue Regie­rungs­de­vi­se und kalen­da­ri­sche, japa­ni­sche Ein­heit ver­bind­lich. Der gegen­wär­ti­ge Ten­nô brach­te anläß­lich sei­ner Geburts­tags­pres­se­kon­fe­renz im Dezem­ber 2018 sei­ne Genug­tu­ung zum Aus­druck, daß im 31. Jahr Heisei Ende April 2019 tat­säch­lich für das japa­ni­sche Volk eine Epo­che ende, die sich als weit­ge­hend fried­lich erwie­sen habe.

Was vom Tage übrig blieb

An einen Dis­ko­be­such, so wur­de dem Deut­schen recht schnell klar, war an die­sem Tag wirk­lich nicht mehr zu den­ken. Die Ereig­nis­se seit Sep­tem­ber 1988 hat­ten den Sprach­schü­ler längst eine neue japa­ni­sche Voka­bel, „Selbst­be­schrän­kung“ (jis­hu­ku 自粛), gelehrt. Das öffent­li­che Leben, bei­spiels­wei­se Sport­ver­an­stal­tun­gen, Tempel‐ und Schreinfes­te, aber auch die eigent­lich rau­schen­den Jah­res­end­fei­ern inmit­ten jenes Wirt­schafts­booms, der sich weni­ge Jah­re spä­ter als ver­hee­ren­de Bla­se ent­pup­pen soll­te, ver­lief 1988 schon seit Mona­ten etwas weni­ger pul­sie­rend. Gera­de erst inter­view­ten Repor­ter im Fern­se­hen etwas erstaunt drein­bli­cken­de Pär­chen und Fami­li­en auf den Ski­pis­ten der Prä­fek­tur Naga­no und andern­sorts, die dort bis­her noch unbe­hel­ligt die­sem win­ter­li­chen Ver­gnü­gen nach­ge­gan­gen waren, ob sie es denn für ange­mes­sen hiel­ten, an dem Tag, an dem der Ten­nô ver­stor­ben war, per­sön­li­ches Ver­gnü­gen zu suchen. Schuld­be­wußt erklär­ten die­se Win­ter­sport­ler, die offen­sicht­lich erst durch die Fra­gen der Jour­na­lis­ten von den Ereig­nis­sen des Tages Kennt­nis erhal­ten hat­ten, selbst­ver­ständ­lich umge­hend heim­zu­keh­ren. Die „Selbst­be­schrän­kung“, mit­hin der Ver­zicht auf Fei­er­lich­kei­ten und Ver­gnü­gun­gen, wur­de zum beherr­schen­den Motiv der nächs­ten Tage und Wochen.

Über die Hin­ter­grün­de die­ses Refle­xes, wenn auch bestän­dig in den japa­ni­schen Medi­en pro­pa­giert, gab kurz dar­auf der stets unend­lich hilfs­be­rei­te, ver­stän­di­ge und groß­zü­gi­ge Ver­mie­ter jenes Schü­lers in sei­nem Wohn­zim­mer, das an pro­mi­nen­ter Stel­le Foto­gra­fi­en des Kai­ser­paa­res mit der kai­ser­li­chen Chry­san­the­me in deren Mit­te zier­te, bereit­wil­lig Aus­kunft. Man feie­re nicht, wenn das Ober­haupt einer Fami­lie ster­be. Nun sei das Fami­li­en­ober­haupt des japa­ni­schen Vol­kes ver­stor­ben. Dies ver­lan­ge von jedem Ange­hö­ri­gen die­ses Vol­kes in die­sen schwe­ren und trau­ri­gen Tagen Zurück­hal­tung aus Respekt vor der Lebens­leis­tung des Mon­ar­chen. Erst spä­ter lern­te jener Deut­sche, daß die­se Erläu­te­rung letzt­lich der Essenz des­sen ent­sprach, das als „Staatskörper‐Gedanke“ (koku­tai shisô 国体思想), der geis­tes­ge­schicht­li­chen Grund­la­ge des japa­ni­schen Staa­tes bis – zumin­dest – zur Nie­der­la­ge im Asiatisch‐Pazifischen Krieg 1945, das gesell­schaft­li­che Leben des Lan­des his­to­risch ent­schei­dend präg­te – der Vor­stel­lung von Japan als „Fami­li­en­staat“ (kazo­ku kok­ka 家族国家), mit dem Ten­nô als glei­cher­ma­ßen lie­ben­der wie erzie­hen­der und stren­ger Pater fami­li­as.

Das Maß der Anteil­nah­me in der drei­mo­na­ti­gen Krank­heits­pha­se ist eben­so wenig meß­bar wie das der Betrof­fen­heit anläß­lich des Todes des Ten­nô. Aus eige­ner Anschau­ung erin­nert sich der deut­sche Sprach­schü­ler an Grup­pen von Ober­schü­lern in ihren Uni­for­men, an Damen jeden Alters, zum Teil in Kimo­no geklei­det, und an Fir­men­an­ge­stell­te, ihrer­seits mit Anzug, Kra­wat­te und Trench­coat uni­for­miert, die ihre Taschen auf dem Pflas­ter abstell­ten, um noch im Okto­ber 1988 mit einer tie­fen Ver­beu­gung in Rich­tung des Fukia­ge Palas­tes, des Wohn­sit­zes des Kai­sers hin­ter dem Burg­gra­ben, für des­sen Gene­sung zu beten. Am Tag sei­nes Todes wur­den auf dem gro­ßen Platz vor dem Palast Kon­do­lenz­bü­cher aus­ge­legt, in die sich Ange­hö­ri­ge aller Genera­tio­nen, zum Teil unter Trä­nen, ein­tru­gen. Der Andrang wirk­te gewal­tig. Gele­gent­lich sah der Deut­sche auch Per­so­nen­grup­pen oder Ein­zel­per­so­nen, die lan­ge auf Kni­en in tie­fer Ver­beu­gung vor dem Palast­ge­län­de ver­harr­ten. Er spe­ku­lier­te damals, ob sich die­se Ges­te aus­schließ­lich an den ver­stor­be­nen Ten­nô rich­te­te, oder aber auch teil­wei­se dem neu­en Amts­in­ha­ber und dem Gelin­gen sei­ner Amts­zeit galt. Japan stand damals wie heu­te vor gro­ßen innen‐ und außen­po­li­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen.

Für den April 2019 kün­digt sich in Japan wie­der ein Thron­wech­sel an. Erst­mals seit 1817 mit des­sen Abdan­kung des Kôka­ku Ten­nô 光格天皇 (1771–1840) wird die­sem kein Tod eines Ten­nô vor­aus­ge­hen. Dem gegen­wär­ti­gen Ten­nô (geb.: 23.12.1933) wird es sei­nem Wunsch ent­spre­chend gestat­tet wer­den, abzu­dan­ken. Zuvor aber, vor­aus­sicht­lich am 24. Febru­ar 2019, wird der gegen­wär­ti­ge Ten­nô noch als amtie­ren­der Mon­arch die Gele­gen­heit haben, am 30. Jah­res­tag der Beer­di­gungs­fei­er­lich­kei­ten des Shôwa Ten­nô, sei­nes Vaters und sei­nes eige­nen, 30. Thron­ju­bi­lä­ums zu geden­ken.

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